Mein Vor-Referent Dr. Eberhardt Gering hat mit sehr exaktem Material
darauf hingewiesen, dass der Berufsstand des Köhlers bis in die Gegenwart
herein allgemeiner Nicht- oder Kaumbeachtung verfällt. 6
Ich kann dem hinzufügen: Das war immer schon so. Der Beitrag der Klassischen
Philologie zur antiken Köhlerei besteht nämlich weitgehend in
Fehlanzeigen. Zwar sind die griechischen ánthrakes
und
die lateinischen carbones allgegenwärtig,
aber ihr Hersteller, der Köhler, griechisch anthrakistés,
lateinisch carbonarius, bleibt nahezu ungenannt;
beide sind zudem sprachlich von dem Kohlen h ä n d l e r nicht zu
unterscheiden.
Auch der mit den besten und umfassendsten Lexika und Indices unternommene
Streifzug durch die beiden Literaturen ergibt nur überaus Spärliches:
| In der Komödie „Die Acharner“ von Aristophanes besteht der Chor
(Verse 719 – 747) doch tatsächlich aus Köhlern aus dem nordwestlich
von Athen gelegenen ländlichen Acharnai. |
| Doch diese sind nur infolge der athenischen Strategie in den Anfangsjahren
des Peloponnesischen Kriegs (331 – 303 vuZ), nämlich das flache
Land zu räumen und den feindlichen Spartanern zu überlassen,
als Flüchtlinge in der Stadt. Über ihre heimische Tätigkeit
und die damit verbundene Technik und Zivilisation erfahren wir nichts,
außer dass einzelne ihrer Vertreter ein barbarisches Griechisch sprechen. |
| Die „Acharner“ wurden 425 aufgeführt. Von den prominenten Übersetzern
lässt sie Otto Weinreich schwäbisch, Wolfgang Schadewaldt
schwyzerdütsch sprechen ! |
|
| Über 200 Jahre später wird in der Komödie Casina des
römischen Komödienschreibers Plautus (gest. 184 vuZ) über
einen versandten Sklaven (von dessen Empfänger) gesagt, er werde ihn
zurückschicken mit dem Traggestell auf dem Rücken „tamquam
carbonarium“. Dieses Traggestell erweist ihn aber als Kohlen h ä
n d l e r. |
|
| Tausend Jahre später werden die Wiederentdecker des Römischen
Rechts, die so genannten Glossatores, zu einer ähnlichen Stelle
sagen: „Ein carbonarius ist einer, der Kohlen
brennt o d e r v e r k a u f t.“ |
In der Dichtung kommt der Köhler überhaupt nicht vor.
Der anonyme und zeitlich schwer einzuordnende Verfasser einer Schrift
„Über berühmte Männer“ (um 200 uZ) schreibt cap. 72,1
über seine Titelfigur: „Wegen seiner Armut übte
er das Geschäft eines Köhlers aus“.
Wenig später weiß der Kirchenschriftsteller Tertullian in
seiner Schrift De carne Christi (Über den fleischlichen Leib Christi)
cap. 6 von einer Redewendunng „Aus der Kalkbrennerei
in die Kohlenbrennerei geraten“ (heute: vom Regen in die Traufe).
Angesichts dieses Befundes nimmt es nicht Wunder, dass der Köhler
auch in der Römischen Sozialgeschichte von G. Alföldy (Franz
Steiner Verlag, 2. durchges. Auflage Wiesbaden 1979) ebenso wie in den
größeren und kleineren Nachschlagewerken zur Antike
n i c h t vorkommt.
Die einzige Spur in Inschriften, nämlich im Corpus
Inscriptionum Latinarum Band 6, 9235, ist mechanisch beschädigt
und lässt nur „carbonaro“ entziffern, das offensichtlich auch
noch fehlerhaft geschrieben ist.
Der einzige Lichtblick
Es gibt immerhin eine einzige Stelle in der gesamten antiken Literatur,
wo wir noch nicht einmal "hauptamtliche" Köhler, sondern wenigstens
Pechschweler als Berufsgruppe auftreten und aktiv werden sehen; diese bedienen
sich aber ziemlich genau derselben Technik wie die Köhler. Sie haben
lediglich den Untergrund eines Kohlenmeilers so gestaltet, dass sie die
bei jedem Kohlebrand anfallende Flüssigkeit kontrolliert sammeln
können.
In der Schule des Aristoteles (384-323) begegnet erstmals neben eigentlichen
philosophischen Forschungen auch die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen
Fragen. Solche Fragen sind verschiedentlich von Aristoteles´
Schüler (und Nachfolger in der Schulleitung) Theophrast (371-287)
aufgegriffen und in heute noch erhaltenen Schriften behandelt worden. Dazu
gehört die Historia Plantarum (Pflanzenkunde). Hierbei wird bei der
Beschreibung der Kiefernarten dann auch auf die Pech-Gewinnung aus diesen
Hölzern eingegangen (Hist. Plant. 9,3,1-3). Erst ganz am Ende der
eingehenden Beschreibung von Aufbau und Funktionieren eines Kohlenmeilers,
die abgesehen von einer wohl unrichtigen Maßangabe über die
Höhe, sehr genau ist 1
,
kommt die Sprache auf die Köhler selbst. Es wird in den letzten Zeilen
von ihnen gesagt:
| „......Diese ganze Zeit über beobachten
sie, ohne zu schlafen, dass ja nichts aufflackert, und sie opfern, und
sie beten unter festlichen Ritualen darum, dass das Pech reichlich
und schön ausfallen möge. Auf diese Weise brennen also die Leute
in makedonischen Landen.“ |
Was die Kohlenbrenner nach dieser Beschreibung hier tun, entspricht
ziemlich genau den arbeitsbegleitenden Ritualen, die M. Eliade als an vielen
Stellen des Globus verbreitet bezeugt und beschrieben hat (allerdings
für Metallverhüttung und -verarbeitung) 2.
Dies also der mehr als dürftige Befund bei der Überprüfung
der noch verfügbaren Texte.
Der kulturgeschichtliche Hintergund
Dass unterste Bevölkerungsschichten nicht in der Literatur
auftreten, ist nicht verwunderlich. Die gewiss dünne Schicht der Alphabetisierten
lebte in ihrer Mehrheit sozial in komfortabler Höhenlage, sieht man
von Schreibsklaven ab, die aber wiederum keine Literatur produzierten.
Hier ist aber einem Aspekt Aufmerksamkeit zu schenken, der zumindest
einiges erklärt.
Die Literatur der mittleren und westlichen Mittelmeerwelt setzt ungefähr
parallel zu den ersten großen Stadtgründungen ein. Dazu gehören
die beiden Epen Homers (Ilias und Odyssee) zwischen 730 vuZ
und die beiden Gedichte Hesiods (Theogonie und Erga) um 700 vuZ 3.
Hier scheint mir nun eines bemerkenswert: In den ersten Versen der
Odyssee, in der die leidenserfüllte Heimkehr und die vielen Irrungen
und Wirren geschildert werden, denen der aus dem Troianischen Krieg zurückkehrende
Odysseus ausgesetzt war, wird allem anderen voraus (in Vers 3) gesagt:
„Von vielen Menschen sah er die S t ä d t e und lernte kennen
ihre Sinnesart“ 4.
Nicht erst in der Dichtung, schon in den Kulturentstehungsmythen spielt
die Stadtbildung und das Leben i n der Stadt die zentrale Rolle. Köhler
mussten aber zwangsläufig „draußen“ ihrem Beruf nachgehen,
und das umso mehr, als Wald schon aus Sicherheitsgründen nicht in
unmittelbarer Nähe von Städten geduldet wurde, sofern er nicht
schon vorher zu Schiffbau, Hausbau- oder Metallverhüttung abgeholzt
worden war.
Rund 650 Jahre später findet sich in den letzten Jahren der römischen
Republik in einem zur Weltliteratur gehörenden Text eine deutliche
Entsprechung.
Zu der jetzt zu besprechenden Quelle ist einiges vorauszuschicken:
Allen, die während der Gymnasialzeit mit Latein versorgt oder gequält
wurden, sind Ciceros 4 Reden gegen Catilina in je entsprechender Erinnerung.
Cicero (106 – 43 vuZ) hatte im Jahr 63 das Konsulat erlangt, das höchste
für einen Römer erreichbare Ziel. In dieser Amtszeit gelang es
ihm, den Lucius Sergius Catilina, einen herabgekommenen Adligen, als Haupt
einer Verschwörung zur Ermordung des Konsuls (also seiner selbst,
d.h. Ciceros) zu entlarven, nachdem er schon 3 Jahre zuvor entsprechende
Hinweise erhalten hatte. Ciceros rigides Vorgehen gegen die Verschwörer
(Hinrichtung o h n e Gerichtsurteil) wird von der Geschichtsschreibung
widersprüchlich beurteilt: Die einen rechnen ihm die Rettung des Staates,
deren er sich selbst rühmte, hoch an, andere machen ihm zum Vorwurf,
er habe den Zerfall der Republik eher noch beschleunigt. Wahrscheinlich
aber war es auch seine persönliche Todesangst (er überwand sie
zuletzt bei seiner Ermordung souverän), die ihn zu einer besonders
pathetischen Mischung aus Ironie und Empörung greifen ließ,
als er vor der Volksversammlung ausrief:
| „Oh welch ein furchterregender Krieg, da Catilina sich auf eine Leibstandarte
aus Strichjungen stützen wird. Bürger Roms, führt nun gegen
diese grandiosen Truppen Catilinas eure Machtmittel und Heere ins Feld!............Nun
werden die S t ä d t e der Siedler und der römischen
Mitbürger es mit den b e w a l d e t e n H ü
g e l n (tumulis silvestribus) Catilinas
aufnehmen..........“ 5. |
Mit dem Adjektiv "silvester" werden nach
Auskunft der Lexika wilde Tiere und unzivilisierte Menschen charakterisiert.
Mit diesen „bewaldeten Hügeln“ konnten Studenten, denen ich den
Text vor kurzem als Klausur vorgesetzt hatte, nichts anfangen. Dass die
zauberhafte Hügellandschaft der Toscana, Umbriens, der Marche oder
des Piceno als Inbegriff der Zivilisations-, Kultur- und Sittenfeindschaft
empfunden werden könnten, war ihnen völlig fremd.
Aber das war eben römische Sichtweise, dass es zivilisiertes und
diszipliniertes Leben nur in der Stadt geben könne. Es kam hinzu,
dass die römischen Legionen ihre legendäre militärische
Kampfordnung nur in freiem Gelände entwickeln konnten. Sie hatten
in waldbehinderter Umgebung im Jahr 217 am Trasumenischen See aus genau
diesem Grund eine ihrer vernichtendsten Niederlagen erlitten. Solche Niederlagen
unter ähnlichen Umständen wiederholten sich später für
Caesars Heer in Gallien (Bellum Gallicum 5, 33 – 39) unter Titurius und
9 uZ in der Schlacht „im Teutoburger Wald“, in Wirklichkeit weiter
nördlich bei Bramsche in Niedersachsen, unter Quintilius Varus. Der
Waldreichtum Germaniens konnte so zum Auslöser allgemeiner Germanenfurcht
werden, deren Ausläufer bis heute da und dort zu spüren sind.
Zwei Schlaglichter zum Schluss:
Benedikt von Nursia (um 480 – um 550 uZ), aus römischem Landadel
stammend, hatte sich zunächst als Einsiedler in eine Höhle bei
Subiaco zurückgezogen, wurde dann von ähnlich orientierten anderen
Mönchen zum Abt des Klosters Vicovaro gewählt. Diese Mönche
versuchten nach einiger Zeit jedoch, ihn zu vergiften, weil sie mit
seiner strengen Disziplin nicht einverstanden waren. Benedikt muss
dabei aufgegangen sein, dass Zivilisationsferne zu Zivilisationsverachtung
führen oder aus dieser hervorgehen und schließlich in Kriminalität
enden kann. Seine Konsequenz daraus verrät den römisch geprägten
frommen Mann: Er zog nicht in die Einöde mit den bekannten Risiken,
sondern verlagerte die urbane Kultur ebendort hin. Das von ihm dann 529
uZ gegründete Montecassino und die vielen anderen benediktinischen
Klosteranlagen geben vom Erfolg seiner Leitidee Zeugnis. Von den Leistungen
seines Ordens in Theologie und Profanwissenschaften, Landwirtschaft, Viehzucht,
Bierbrauerei, Likördestillation u.ä. wollen wir gleich gar nicht
reden.
Hier das Gegenbild rund 1000 Jahre später: In einer Warnschrift
von 1533 rügt Martin Luther den blinden, kritiklosen Kirchenglauben
ungebildeter und beschränkter Glaubender. Auf die Frage eines Theologen
an einen Waldbewohner, was er denn nun glaube, antwortet der:
„Was die Kirche glaubt“, und auf die weitere Frage, was denn die Kirche
glaube:“Was ich glaube“. Der so Befragte wird als Köhler vorgestellt.
So ist dieser Berufsstand – wenn auch in negativer Weise – in dem Fachausdruck
„Köhlerglaube“ wenigstens in die theologische
Fachsprache eingegangen.
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1.
Die Übersetzung dieses Textes habe ich in ACTA PRAEHISTORICE ET
ARCHAEOLOGICA 23, 1991, S. 111 – 115 veröffentlicht.
2.
Mircea Eliade, Schmiede und Alchemisten, 2. Auflage, Ernst Klett Verlag
Stuttgart 1980.
Dass es gegen Eliades Deutungen von Quellentexten und archäologischen
Befunden Einwände gibt, ist mir bekannt.
3.
In den innerhalb der Klassischen Philologie permanenten (und existenzsichernden!)
Streit um Datierung und gegenseitige Abhängigkeit dieser Dichtungen
möchte ich mich hier bewusst nicht einmischen.
4.
In der Prosa-Übersetzung von W. Schadewaldt, rororo Klassiker
Band 2, 1958.
5.
Aus: In Catilinan II 24 übersetzt nach der lateinischen
Textausgabe von Curtis Clarc, Oxford 1970.
6.
E. Gering: Die unzulängliche Berücksichtigung der Köhlerei
in der Geschichtsschreibung der Technik. - Vortrag auf dem Wissenschaftlichen
Symposium zum 5. Internationalen Köhlertreffen August 2005 in Rohr
im Gebirge, Österreich
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Anmerkung: Die Farbigen Schriftauszeichnungen im obigen
Text wurden von mir vorgenommen. (E.Gering)
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