Unser langjähriger
guter Hausgeist läßt sich konsequent nur "Fräulein Kattner"
nennen. Insider kennen sogar den Vornamen von Fräulein Kattner, den
ich hier aber aus Gründen des Personendatenschutzes verschweigen möchte,
obwohl dieser etwas aus der Mode gekommene Vorname doch recht hübsch
klingt.
Von einem
Hausgeist erwartet man vor allem, daß er unsichtbar ist. Fräulein
Kattner ist unsichtbar und doch stets anwesend. Wenn man Fräulein
Kattner zu sehen wünscht, um mit ihr zu reden oder irgend etwas von
ihr auszuleihen, verwandelt sie sich sofort in ein sichtbares und zur Kommunikation
bereites Wesen.
Gelegentlich nimmt
sie auch von selbst körperliche Gestalt an. Zum Beispiel, wenn sie
in unserer Wohnküche erscheint, um mit ihrem eleganten Steinzeugkrug
Wasser zu holen. Als Geist hat sie das eigentlich nicht nötig
- auf einen Wink oder ein Zauberwort von ihr wäre der Krug sofort
wieder mit frischem Wasser gefüllt gewesen. Aber auf solcherlei Hokuspokus
verzichtet sie. Lieber klopft sie leibhaftig und zaghaft an die Küchentür,
öffnet selbige vorsichtig einen Spalt und huscht, wenn Vater sie zum
Hereinkommen auffordert, mit ihrem Krug zum Wasserhahn, der sich über
der Gosse (dem gußeisernen Ausgußbecken) befindet.
Fräulein Kattner
stützt den Krug am Gossenrand ab und läßt dann das Wasser
in einem feinen Strahl ganz langsam in den Krug rinnen. Das ist ihre Taktik
als materialisierter Geist, denn so zieht sich die Prozedur des Wasserholens
erstaunlich in die Länge. Man könnte in dieser Zeit mit normalem
Wasserstrahl mehrere Badewannen füllen. Damit ihr beim Füllen
des Kruges die Zeit nicht zu lang wird, sucht Fräulein Kattner
immer unseren Vater in ein Gespräch zu ziehen. Das gelingt ihr zumeist,
denn Vater ist bei guter Laune freundlich und gesprächsbereit dem
Hausgeist gegenüber. Wenn Vater nicht zu Hause ist, spricht Fräulein
Kattner beim Wasserholen gelegentlich auch mit uns Geschwistern. Allerdings
ist dann in der Regel der Krug schneller gefüllt.
Man unterscheidet
gute und böse Hausgeister. Fräulein Kattner ist, wie bereits
gesagt, ein guter Hausgeist. An bösen Hausgeistern besitzen wir zwei:
den Mummumm, der auf dem Dachboden als schwarzes Wesen herumschwebt und
den Popanz, der im dunklen Keller hockt und auf ein Opfer lauert. Nie erlebt
man, daß sich Fräulein Kattner irgendwie mit den beiden bösen
Hausgeistern abgibt. Sie nimmt von ihnen einfach keine Notiz.
Einen guten Geist
erkennt man an seiner Gutmütigkeit. Diesen charakterlichen Vorzug
besitzt Fräulen Kattner im hohen Maße. Zum Beispiel darf ich,
wenn sie von der Arbeit kommt, ihre Stube betreten um zu fragen, ob noch
etwas in ihrer Bemmenbüchse drin ist. Fräulein Kattner nimmt
nämlich morgens immer ein paar dünne Brotscheiben, die ebenso
dünn mit Butter oder Leberwurst bestrichen sind, zur Arbeit mit. Von
diesem opulenten Frühstück bleibt oft etwas übrig, was ich
dann essen darf. Ich glaube, daß sie dieses Hasenbrot manches
Mal extra für mich aufspart.
Hausgeister kennen
keine körperlichen Schmerzen und können diese Eigenschaft auch
auf Menschen übertragen. Zum Beweis: Ich kann mir in Anwesenheit von
Fräulen Kattner völlig schmerzlos Stecknadeln durch die dünne
Hornhaut der Fingerkuppen bohren. Und zwar an sämtlichen Fingern,
Daumen inbegriffen, so daß ich an den Händen aussehe wie ein
kleines Stachelschwein. Die Stecknadeln wähle ich sorgfältig
nach den verschiedenen Farben ihrer Glasköpfe aus. Fräulen Kattner
schaut dann von ihrer Arbeit an der Nähmaschine auf und tut so, als
könne sie es gar nicht fassen, daß mir das Martyrium mit den
Stecknadeln überhaupt nichts ausmacht. Zugleich warnt sie mich stets
davor, das Experiment mit kopflosen Nähnadeln anstelle der Stecknadeln
zu wiederholen. Nähnadeln können nämlich leicht in die Adern
gelangen und auf diesem Weg bis zum Herzen vordringen.
In ihrer Stube hat
Fräulein Kattner einen kleinen Spirituskocher, den sie meist nur zum
Kochen von Teewasser benutzt. Richtiges Essen bereitet sie sich auf unserem
Küchenherd zu. Übrigens sagen wir nicht "Herd", sondern "Küchenofen"
oder einfach "Ofen". Wenn Feuer im Ofen ist, kann es sein, daß unser
Fräulein Kattner mit einem winzigen Topf in die Küche kommt,
um zwei bis drei Kartöffelchen zu kochen oder in einem Tiegelchen
ein mittelgroßes Schnitzel zu braten, welches sie zu meinem Leidwesen
aber immer allein aufißt. Wir machen uns über Fräulein
Kattners Puppengeschirr gern lustig und fragen, wenn sie eines ihrer Töpfchen
mit Wasser gefüllt auf die Ofenplatte stellt, ob sie vielleicht baden
wolle.
Ein Geist ist nicht
nur unsichtbar, sondern auch geruchlos. Das trifft völlig auf Fräulein
Kattner zu, wenn sie als Geist anwesend ist. In ihrer verkörperlichten
Form hingegen duftet Fräulein Kattner häufig nach Kölnisch
Wasser. Mir gefällt das. Ansonsten ist Fräulein Kattner rein
äußerlich für mich nicht weiter interessant. Ihr Alter
ist unbestimmt, jedenfalls ist sie ziemlich alt , vermutlich so zwischen
vierzig und fünfzig. Häßlich ist sie auf keinen Fall. Sie
besitzt eine schlanke Figur, hat langes dunkles Haar, ein kleines rundliches
Gesicht und eine etwas piepsige, mitunter auch schwach krächzende
Stimme. Letzteres kommt davon, daß sie, wie sie häufig erklärt,
etwas mit der Schilddrüse hat.
Hin und wieder bekommt
unser Hausgeist Besuch von der Schwester oder Cousine aus dem Heimatdorf.
Ich kann nicht erfahren, ob sich die beiden dann wie zwei Geister oder
wie richtige Menschen unterhalten. Zu Feiertagen fährt Fräulein
Kattner selbst aufs Dorf zu ihren Verwandten. Mutter Else behauptet immer,
Fräulein Kattner hätte in ihrer Jugend auch so ihre Erlebnisse
gehabt. Ob´s stimmt, wer weiß es. Gönnen würde ich
es ihr. Wie auch immer, sie ist und bleibt das Fräulein und wünscht
auch so angesprochen zu werden.
Hausgeister können
ihr angestammtes Domizil für längere Zeit verlassen, kehren
aber irgendwann wieder zurück. Auch wir erleben das. Durch die Geschehnisse
des Nachkriegs sind wir zweimal gezwungen, unsere Wohnung der
Roten Armee zur Verfügung zu stellen und anderswo Quartier zu beziehen.
Insgesamt ziehen wir in den ersten drei Jahren nach Kriegsende fünfmal
um, ein kurzes Intermezzo in unserer alten Wohnung inbegriffen. Da es in
den anderen Wohnungen keinen Platz für den Hausgeist gibt, muß
sich dieser ein neues Logis suchen. Schließlich können wir endgültig
in unsere angestammte Wohnung zurück.
Eines Tages taucht
auch unser Hausgeist Fräulein Kattner wieder auf. Zuvor erfolgte
Versuche eines deutlich jüngeren Wesens, als Untermieterin an
die Stelle unserer alten guten Seele zu treten, hat Mutter Else erfolgreich
abgeblockt. Sie hält ein solches Experiment mit Hinweis darauf, daß
ich kein Kind mehr wäre, für gefährlich. Angeblich hat die
neue Bewerberin bei ihrer Vorsprache mich immer so auffällig angesehen.
Das ist mir zwar nicht aufgefallen, aber mit einem Auswechseln des Hausgeistes
wäre ich schon einverstanden gewesen. So aber bleibt alles wie vorher
und Fräulein Kattner ist noch viele Jahre der Hausgeist unserer Familie.
Jahrzehnte später
besuchen meine große Schwester und ich das immer noch recht muntere
Fräulein Kattner in ihrer Neubauwohnung am Stadtrand. Unser ehemaliger
Hausgeist ist zu diesem Zeitpunkt an die neunzig Jahre alt. Geister sind
eben fast unsterblich. Ich hatte meine Schwester überredet, endlich
dem Fräulein Kattner einen gemeinsam begangenen Mundraub zu beichten.
Zum schon weit zurückliegenden Kriegsende hatten wir nämlich
in der Stube unseres Hausgeistes eine im großen Schrank hinter
der Wäsche versteckte Schachtel Pralinen geklaut und den Inhalt
verschlungen. Bei unserem Besuch tut Fräulein Kattner so, als wisse
sie davon gar nichts. Es sei auch schon zu lange her. Aber der schöne
alte Schrank mit seinem großen ovalen Spiegel steht als stummer Tatzeuge
immer noch in ihrem Zimmer, wenn auch nicht mehr am eigentlichen
Ort unserer Untat.