Mit den ersten
Leseübungen beginne ich lange vor dem Beginn meiner Schulzeit. Es
ist ein echtes Selbststudium. Das geht so: Im Sitzungsraum unserer Wohnung
( manche sagen "Klosett" ) stehen an der Wand zwei Pappeimer
mit bunten Bildern und rätselhaften Zeichen. Ich fange irgendwann
an, während meiner Sitzungen bei Vater und Geschwistern
nachzufragen, was diese Zeichen bedeuten. "Es sind Buchstaben", sagt Wolle,
mein kleiner Bruder (er ist schon Zwölf), "und wer die alle gelernt
hat, der kann lesen."
Meine weiteren
Nachforschungen gehen immer schön der Reihe nach. Also: "Was ist das:
ein Strich mit einer Kuller dran?" Antwort von Wolle: "Ein 'pe'.
Man sagt auch 'hartes pe' , weil es noch ein weiches oder babbsches pe
gibt." "Und was ist das hinter dem 'harten pe', was aussieht wie
ein Osterei?" Antwort: "Das ist ein 'ee'." "Und wie spricht man das
aus, was nach dem 'ee' kommt?" Antwort: "Das ist ein 'err', doch
hier wird es 'rr' gesprochen."
Naja, das muß
man alles hören, im Text dieser Geschichte läßt es sich
nicht so richtig wiedergeben.
Nun weiß
ich bereits, die ersten Buchstaben auf dem Pappeimer heißen
pe, ee und err. Wiederholung und Selbstkontrolle am folgenden Tag: ' pe,
ee, err '. Weitere Lernerfolge stellen sich ein: ' ess' , '
ii' und ' ell' sind meine nächsten Bekannten. Komisch
klingt das, wenn man alles nacheinander aufsagt: ' pe ee err ess
ii ell '. Mein kleiner Bruder korrigiert mich: "Du mußt beim Aussprechen
von pe, err, ess und ell das 'e' weglassen!" Dieser didaktische Hinweis
hilft, und plötzlich dämmert es bei mir: Es geht um das weiße
Pulver, welches 'Persil' genannt wird und das Frau Thieme, unsere
Waschfrau, immer für die Große Wäsche benutzt.
Mühsam
geht es weiter mit dem Buchstabenlernen - im Frage-Antwort-Spiel, wenn
jemand zu Hause ist, den ich fragen kann; im Selbstlernprozeß, wenn
ich, auf mich selbst gestellt, meine Leseübungen vorantreibe. Was
schließlich nach langem Denken und Sprechen herauskommt, ist der
berühmte Spruch 'Persil bleibt Persil'
.
Nun wird auch der
zweite Pappeimer Buchstabe für Buchstabe untersucht. Die vielen Zeichen
fügen sich hier noch schwerer als beim Persileimer zu einem Ganzen.
Mit Hilfe meines kleinen Bruders und der beiden anderen großen Geschwister
nehme ich schließlich auch diese Hürde und verkünde stolz:
'
Ich nehm' Henko, Henko kenn' ich! '
Natürlich
spreche ich die beiden kleinen Sätze auf gut freibergisch, also: '
Bärsil bleibt Bärsil' und ' Isch näm Hengo, Hengo
kenn isch'.
Mit dieser Grundausbildung
erwerbe ich schon vor Beginn der ersten Klasse die Qualifikation eines
Werbetexters für Waschmittel. Daß ich später doch
nicht diesen Berufsweg einschlage, hat andere Ursachen.
Als es
nach dem Schulanfang richtig losgeht mit dem Lesen lernen, will Herr Ihle,
unser Klassenlehrer, von meinen Werbesprüchen nichts wissen. Wie ein
Blödian muß ich, so wie alle meine Klassenkameraden, immer wieder
jeden einzelnen Buchstaben allein oder im Chor aufsagen. Tage- , wochen-
und monatelang geht das so, mal vormittags, mal nachmittags, das ganze
erste Schuljahr hindurch. Es ist deprimierend!
So werden Talente
unterdrückt. Naja, für manche ist dieses ewige Murmeln von Buchstaben
vielleicht der einzige Weg zum Gipfel der Wissenschaft. Zum Beispiel für
meinen Banknachbarn Adalbert. Der murmelt ergeben und geduldig mit. Wahrscheinlich
gibt es bei ihm zu Hause keine mit Buchstaben verschönerten Pappeimer.
Oder die haben gar nicht so ein Sitzungszimmer wie wir, sondern ein "Klosett".
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