Das ist eine tragische
Geschichte. Wobei es, wie immer, auf den Beobachter und seine Sichtweise
ankommt. Für mich war es tragisch, denn ich mochte mein kleines Kaninchen
sehr. Meine große Schwester war auch ein bißchen
traurig, weniger wegen des Langohrs sondern vor allem wegen des ungenießbar
gewordenen schönen Kakaos. Aus dieser Sicht schien das zuvor noch
so lustige kleine Kerlchen eher Täter als Opfer zu sein, wie wir heute
in unserer zweidimensionalen Denkweise sagen würden. Doch auch
ich mochte Kakao sehr, zumal dieser zu damaliger Zeit etwas ganz
Besonderes war. Nun hatten wir weder das eine noch das andere: der
Kakao war futsch und das arme kleine Kaninchen, von dem nur die Ohren
aus dem brühheißen Trank herausguckten , war auch
futsch.
Nicht etwa, daß
der kleine Springinsfeld aus Übermut ein Bad im Kakao nehmen
wollte. Nein, es war ein geradezu klassischer und vermutlich weltweit
äußerst seltener Unfall.
Betrachten wir den
kurzen Lebensweg des so grausam Verunglückten. Geboren zusammen mit
fünf oder sechs Geschwistern in einem Stall, wie man ihn eben für
Kaninchen so hatte, genoß er nur kurze Zeit das Glück, welches
eine liebende Kaninchenmutter mit ihren Zitzen den kleinen Häschen
zu geben vermochte. Die quicklebendigen Wuscheltierchen hatten gerade erst
begonnen, ihr warmes weiches, mit Heu und Fellhaaren der Mutter gepolstertes
Nest zu verlassen und im Stall herumzuhoppeln , als die "Alte" eines
Morgens tot und stocksteif dalag. Ein derartiges Drama erlebten wir
nicht zum ersten Mal. Die Todesursache war wie immer unklar. Jedenfalls
war es kein Fall für die Mordkommission, denn die Hasenmutter war
nicht verletzt. Es mußte am Futter, am zu wenigen Trinken, an der
Winterkälte - der Stall stand ja im Freien - oder wer weiß woran
gelegen haben.
Nun galt es, schnellstens
einen Notdienst einzurichten, um wenigstens die Kleinen am Leben
zu halten. Ein großer, oben offener länglicher Karton wurde
beschafft, mit Stroh und Heu ausgepolstert und in der warmen Küche
auf die Ofenbank gestellt. Dann holten wir die kleinen Kaninchengeschwister
vorsichtig aus dem Stall und brachten sie in ihre neue Behausung.
Unsere ganze Familie
war um das Wohlergehen der lebhaften Hoppelmannschaft bemüht. Es gab
warme Milch aus dem Futternapf zu schlabbern,dazu trockene Haferflocken
und andere wohlschmeckende Sachen, von denen wir annahmen, daß sie
die Muttermilch zu ersetzen vermochten. Und wärmer als im Stall war
es in unserer Wohnküche sowieso.
Die lustigen Gesellen
fühlten sich wohl und wurden immer größer. Unsere Mühe
schien sich zu lohnen. Bald ließen wir die Moppel tagsüber
auf den Holzdielen
der Küche
herumtollen. Natürlich mit befristeter Ausgangszeit, danach
mußten sie wieder auf die Ofenbank.
Es ging dem Frühling
entgegen. Es war ein besonderer Frühling, denn er brachte das Ende
des Krieges und zugleich eine Veränderung in unserer Familie. Vater
hatte nach mehr als vier Jahren Witwerschaft eine junge Frau, die Else,
kennengelernt, mit der ich mich rasch anfreundete. Ich bestürmte sie
unablässig, mit in unsere Wohnung zu kommen, damit ich ihr die kleinen
Kaninchen zeigen konnte. Sie zögerte lange, aber eines Tages kam sie
schließlich doch mit nach oben und nahm unsere Zöglinge in Augenschein.
Ich war sehr stolz, als ich dem Besuch alles über das Schicksal
der putzigen Kleinen erzählen konnte.
Aber zu unserem
Schrecken sahen wir eines Morgens eines der Häschen tot im Wohnkarton
liegen. Die Ursache war auch dieses Mal nicht zu erklären.
In Abständen von mehreren Wochen folgte danach dem armen Wuschel
eines nach dem anderen seiner Geschwister in den Kaninchenhimmel. Der Karton
auf der Ofenbank wurde immer leerer.
Doch es war wie
bei den sieben Geißlein im Märchen: Eines der Kleinen blieb,
allen Widrigkeiten zum Trotz, am Leben. Es gedieh sogar prächtig,
so als hätte es die Lebensgeister sämtlicher Geschwister in sich
aufgenommen. Sein Fellchen war silbergrau* und seine Krallen
waren schon kräftig. Wir gewährten ihm Ausgang für den ganzen
Tag. Auf seinen Pfötchen sprang es im Zickzack, so als würde
es gejagt, in der Küche herum, lief bald unter das Sofa, bald
unter den Küchenschrank und war oft unauffindbar. Es hopste
sogar von der Ofenbank auf die Herdplatte und von dort weiter auf die
Ofenpfanne, aus der wir immer vom Herd erwärmtes Wasser schöpfen
konnten.
Diese Ausflüge
waren, wie wir glaubten, für das kleine Langohr ungefährlich,
denn wegen des mittlerweile warmen Sommerwetters wurde der Küchenofen
nur noch zum Zubereiten des Mittagessens geheizt und kühlte danach
recht schnell wieder ab. Die Klappe der Ofenpfanne war ohnehin stets geschlossen.
Immer öfter
sprang unser kleiner Freund auf dem Küchenherd herum und lugte zu
unserer Belustigung, auf den Hinterbeinchen stehend, in alle Töpfe
hinein.
Der tragische Ausgang
dieser Klettertouren ist schnell geschildert. Eines Nachmittags im Juni
kamen meine große Schwester und ich aus dem Garten, um in der
Küche den kurz zuvor gekochten Kakao zu probieren. Es war niemand
im Raum . Auch der kleine Hopser war nirgends zu sehen, selbst nicht auf
dem noch etwas warmen Ofen. Der Kakaotopf war nur halb abgedeckt.
Das war nicht ungewöhnlich, denn auf diese Weise wurde dein Überkochen
des Topfinhaltes verhindert. Einer Eingebung folgend, faßte ich den
Topfdeckel an, wobei dieser wie eine kleine Schaukel auf und ab wippte.
Als ich den Deckel ganz herunternahm, sahen meine große Schwester
und ich das schreckliche Malheur: Zwei lange Ohren ragten aus dem Kakao.
Ihr Besitzer , unser letztes kleines Kaninchen, war längst tot, verbrüht
und ertrunken. Seine Neugier und wohl auch der verlockende Duft des Kakaos
hatten es dazu verführt, auf den wackligen Deckel zu springen,
um in den Topf zu schauen und vielleicht, um ein bißchen von dem
süßen Milchtrank zu schlabbern.
Das arme kleine
Kaninchen, sagte ich traurig. Schade um den schönen Kakao, sagte
meine große Schwester.
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* Meiner Erinnerung
nach war unser lieber kleiner Freund schwarz-weiß gefleckt
(scheckig). Das silbergraue Fell habe ich ihm nachträglich verliehen,
ehrenhalber sozusagen. Damit hätten wir die Fakten wieder einmal dem
Fiktiven angepaßt. Eines steht jedoch fest wie der Löffel im
Kakao: Als ich den kleinen Wicht aus dem Topf zog, war sein Fellchen,
den Todesumständen entsprechend, bräunlich verfärbt.
Meine große Schwester wird das sicher bestätigen.