In die Briefmarkensammelei
des Vaters ist die gesamte Familie einbezogen. Die Gewichte sind hierbei
ungleich verteilt. Vater bewältigt selbstverständlich den Löwenanteil.
Er erzählt mir, daß unsere Mutter ihm tüchtig geholfen
hat, zum Beispiel wenn jeweils hundert Marken derselben Sorte mittels einer
Klebebanderole zu kleinen Päckchen zusammengestellt wurden. Wir Geschwister
üben hauptsächlich Beschaffungs-, Bearbeitungs- und Verteilungsfunktionen
aus.
Für den Sammler
existieren zwei Kategorien von Briefmarken: ungestempelte und gestempelte.
An dieser Zweiteilung orientieren sich sämtliche Tätigkeiten
des Sammelns. Ungestempelte Marken erhält man auf dem Postamt. Bei
Extraausgaben, den sogenannten Sondermarken, muß man einen Sammlerausweis
vorlegen, in welchem der Postbeamte den Briefmarkenkauf vermerkt. Mitunter
gibt es Sondermarken auch ohne Ausweis.
Der Briefmarkenkauf
ist eine Sache für Profis. Es ist unbedingt darauf zu achten, daß
jede Marke alle Zähne hat, sonst ist sie wertlos. Deshalb versucht
man immer, Marken zu bekommen, die an einer Seite noch ein Stück vom
unbedruckten Rand des postfrischen großen Briefmarkenbogens haben.
Am besten sind die Marken von der Ecke des Bogens, denn deren Zähne
sind gleich an zwei Seiten zusätzlich geschützt. Doch die Schlangen
vor dem Postschalter sind oftmals sehr lang, und viele der Schlangenmenschen
möchten Sondermarken vom Bogenrand haben. Soviel Rand hat selbst der
größte Briefmarkenbogen nicht.
Man muß die
erhaltenen Marken auch sofort daraufhin untersuchen, ob der Klebegummi
der Markenrückseite einwandfrei ist. Aber bloß nicht mit den
Fingern auf den Gummi fassen, denn Fingerabdrücke auf der Klebeseite
sind genau so verpönt wie fehlende Briefmarkenzähne.
Wenn der Postbeamte
hinter dem Schalter wohlwollend ist, achtet er von selbst auf die Sammlerwünsche.
Das trifft nicht immer zu. Zum Beispiel ist da ein schon ziemlich alter
Herr mit ganz weißen Haaren, der in seiner Postuniform
sehr majestätisch und respekteinflößend hinter dem Schalterfenster
thront. Man muß sehr mutig sein, ihn um kleine Extras zu bitten.
Der richtige Sammler
legt Wert darauf, daß seine Marken einen schönen Poststempel
haben. Am besten, man läßt sich die funkelnagelneuen Briefmarken
gleich auf der Post abstempeln. Das ist auch wieder so eine vertrauensvolle
Sache. Man muß den Schalterbeamten bitten, daß er schön
in die Mitte eines Viererblocks zielen soll, falls man vier oder mehr zusammenhängende
Marken gekauft hat. Auf keinen Fall darf der Stempel das ganze Markenbild
verdecken. Bei Einzelmarken sollte deshalb nur ein Viertelchen des Stempels
auf eine Ecke gedrückt werden, wobei aber auch das Datum des Stempels
erkennbar sein muß.
Im Ergebnis dieser
schwierigen Prozedur hat man postfrische Marken mit Stempel. Das ist ungefähr
dasselbe wie ein schwarzer Schimmel. Was mit solchen Marken danach geschieht,
bleibt Geheimnis des Sammlers.
Nachdem man die
gekauften, gestempelten oder ungestempelten Sondermarken vorsichtig in
ein mitgebrachtes kleines Einsteckalbum gelegt hat, werden sie im Dauerlauf
nach Hause getragen. Da das Postamt nicht weit von unserem Wohnhaus gelegen
ist, kann man diesen Dauerlauf schnell erledigen.
Für die ungestempelten
neuen Marken beginnt nun Stufe 1 eines langwierigen Umwandlungsprozesses,
in welchem sie zu gestempelten Marken werden. Dazu werden diese Briefmarken
sorgfältig auf einen Briefumschlag geklebt. Der Umschlag wird
mit Vaters Adresse versehen. Auf der Rückseite des Umschlags muß
der Absender stehen, sonst ist der Brief für die Post verdächtig.
Absender ist ebenfalls der Vater. Manchmal darf ich auch meinen eigenen
Namen als Adresse oder als Absender auf den Briefumschlag schreiben.
In den Umschlag
wird vor dem Verschließen ein maßgerechtes Stück Pappkarton
gelegt, damit es wie ein echter Brief wirkt. Der Profisammler verfügt
zu diesem Zweck über eine Kollektion Kartonblätter verschiedener
Farben und Stärken. Dieses Material kann nicht ausgehen, denn es kommt
ja immer wieder an den Absender zurück.
Außerdem ist
auf dem Briefumschlag mit sauberer und deutlicher Schrift der Vermerk „Bitte
sauber stempeln" anzubringen, damit der Poststempelbeamte weiß, daß
der Brief an einen Sammler geht. Zu guter Letzt wird der Brief beim Postamt
in den Briefkasten geworfen.
Es soll Leute geben,
die sich selbst eine Geburtstagskarte schreiben. Der Briefmarken sammelnde
Mensch kann sich jeden Tag Post schicken und braucht nicht auf seinen Geburtstag
zu warten.
Wenn der Brief mit
den schön gestempelten Sondermarken wieder eingetroffen ist, fängt
die Stufe 2 des Briefmarken-Umwandlungsprozesses an, das Waschen der Marken.
Dazu werden die Briefmarken mit genügend breitem Rand aus dem Kuvert
(das ist der Briefumschlag) heraus geschnitten und in eine Schüssel
mit lauwarmen Wasser gelegt, wo sie vom Kuvert abweichen. Das Abweichen
ist in diesem Fall kein politischer, sondern ein wäßriger Vorgang.
Wenn die Marken beginnen, sich im Wasser selbständig zu machen, kann
man sie vorsichtig vom Umschlagpapier herunterschieben. Anschließend
wird das nun markenfreie Papier mit Pinzette aus dem Wasser herausgefischt
und zur weiteren Verwendung in den Kohlenkasten gelegt.
Ein waschechter
Sammler gibt noch spezielles Waschmittel in das Wasser, damit sich die
Briefmarken beim Abweichen und anschließendem Waschen richtig wohlfühlen.
Das Waschen der
Marken beschränkt sich auf mehrmaliges vorsichtiges Umrühren
der Briefmarkenwassersuppe.
Die gewaschenen
Briefmarken kommen anschließend in die Trockenpresse. Dort werden
die Marken nicht nur getrocknet, sondern auch plattgedrückt, da sie
sonst beginnen würden sich zu rollen. Gerollte Briefmarken passen
nicht ins Album, man müßte für sie spezielle Röhrchen
haben, aber die gibt es nicht auf dem Markt.
Das Briefmarkentrocknen
ist eine anspruchsvolle und technisch aufwendige Sache. Man braucht dazu
zwei glattgehobelte kurze dicke Bretter, zwei Bogen Löschpapier von
der Größe der Bretter und einen schweren Gegenstand wie beispielsweise
den Stahl aus dem Bügeleisen.
Wenn alles auf dem
Tisch liegt, wird eine Art Schichtkuchen aufgebaut (in neuposthochdeutsch
würde man hierzu Sendwitsch oder Hemmbörger sagen). Als unterste
Schicht dient eines der beiden Bretter, darauf kommt das erste Löschblatt.
Auf dieses Blatt werden sorgfältig die aus der Wäsche kommenden
Briefmarken gelegt. Dann folgt das zweite Löschblatt und ganz oben
drauf das zweite Brett. Das Ganze wird mit dem Bügelstahl beschwert.
Der Stahl muß natürlich kalt sein, denn ein glühender Bügelstahl
würde den ganzen Trockenprozeß gefährden.
Nach ungefähr
einem Tag wird der Hemmbörger wieder auseinander genommen. Die zwischen
den Löschblättern getrockneten Marken werden in Feinarbeit mit
der Pinzette von ihrer Unterlage abgehoben und durch die Lupe begutachtet.
Das ist der Moment der größten Gefahr für Leib und Seele
der Briefmarken, denn wenn jetzt jemand (zum Beispiel einer meiner Brüder
oder meine große Schwester) zur Küchentür hereinkommt und
wenn dazu noch wegen der schönen warmen Jahreszeit das große
Küchenfenster offensteht, entwickeln die auf dem Tisch ausgebreiteten
Briefmarken eine ungeahnte Flugfähigkeit. Man könnte sie glatt
für Luftpostmarken halten. Unser Vater, der die Prozedur des Waschens
und Trocknens immer selbst ausführt, ist dann jedesmal hell begeistert.
Die gewaschenen
und getrockneten Briefmarken gelangen nunmehr in die Stufe 3 ihres Umwandlungsprozesses,
dem geordneten Ablegen in einem Einsteckalbum.
Einsteckalben sind
etwas, was man dem Sammler ohne Bedenken jedes Jahr zu Weihnachten oder
zum Geburtstag schenken kann, denn davon kann er nie genug haben.
Ein kleiner Teil
der frischgewaschenen Briefmarken hat die Chance, vom Einsteckalbum aus
in ein richtiggehendes Briefmarkenalbum zu gelangen. Dort werden die Marken
mit Hilfe eines auf der Markenrückseite anzubringenden Klebefalzes
befestigt. Die zuvor mit soviel Mühe gereinigte Briefmarke wird durch
diesen Falz nicht gerade verschönt, aber von vorn sieht man ihn ja
nicht. Das ist Stufe 4, die höchste Stufe, die eine Briefmarke in
ihrem Leben erreichen kann.
Einige der anderen
Marken werden zum Tauschobjekt im Verein der Sammler. Zu diesem Zweck kursieren
zwischen den Vereinsmitgliedern kleine Sammelheftchen, aus denen sich jeder
diejenigen Marken, die er gebrauchen kann, gegen Bezahlung herausnimmt.
Sammelhefte und Geld werden an den nächsten Mitsammler, das ist meistens
der Herr Butze, weitergegeben. Ich kenne diesen Herrn zwar nicht persönlich,
aber ich weiß genau wo er wohnt, weil ich immer die Sammelheftchen
zu ihm bringen darf.
Die meisten der
durch Ausschneiden, Waschen und Trocknen hochveredelten Briefmarken fristen
ihr weiteres Dasein in überfüllten Einsteckalben, Papiertütchen
oder leeren Zigarettenschachteln. Das geschieht sehr zur Freude der Erben,
wenn der Sammler mit dem Sammeln aufgehört hat und die schwerwiegende
Frage im Raume steht: Was machen wir bloß mit den vielen Briefmarken?