Es ist ein heißer Tag im Juli 1944.
Ich stehe auf der Laderampe der IVAG, wie die "Industrieverkehrs-Aktiengesellschaft"
abgekürzt heißt, um Vater, der mit seinem kleinen LKW
„Dux" aus der Stadt zurückgekommen ist, beim Ausladen von Stückgut
zu helfen. Auf der anderen Straßenseite kommt mit schnellen Schritten
ein Mann vorbei, der mich lachend beim Vornamen ruft. Den freundlichen
Mann kenne ich. Es ist Max, ein entfernter Verwandter. Er trägt
häufig die braune Uniform der SA, mit Sturmmütze, Hakenkreuzarmbinde,
Koppel, Schulterriemen und schwarzen Stiefeln.
Auch heute ist Max uniformiert. Er fragt mich,
ob ich vom gestrigen Attentat auf den „Führer" gehört habe und
meint, daß ich unbedingt am Abend zusammen mit meinem Vater auf den
Obermarkt kommen solle. Dort würde anläßlich der Errettung
des „Führers" eine große Kundgebung stattfinden. Immer noch
mit einem Lachen in seinem runden Gesicht winkt Max mir zum Abschied zu
und stiefelt weiter in Richtung Innenstadt.
Ich habe keine Lust, der Aufforderung von Max
nachzukommen. Vater, der schon von dem Attentat weiß, meint
jedoch, wir müßten zu der Kundgebung gehen, sonst würde
er großen Ärger bekommen. Also machen wir uns am Abend kurz
vor acht Uhr auf den Weg zum Obermarkt, denn um acht soll die Kundgebung
beginnen.
Vater ist gegen die Nazis, das weiß ich.
Zu Hause hört er oft den schweizer Rundfunksender Beromünster
und die deutschsprachigen Nachrichten des englischen Senders BBC. Wegen
der deutlich zu hörenden kurzen Klopfzeichen an jedem Beginn von BBC-Nachrichten
muß Vater immer eine abschirmende Wolldecke über sich und das
Radio legen. Wer beim Abhören „feindlicher Sender" entdeckt wird,
muß mit dem Todesurteil durch die Nazis rechnen. Solche Urteile werden
zur Abschreckung öffentlich in der Stadt angeschlagen.
Unser Vater setzt großes Vertrauen in
mich und meine Verschwiegenheit. Oft, wenn es niemand anderes hören
kann, unterhalten wir uns über politische Dinge. So auch dieses Mal.
Vater meint, wir sollten auf der Kundgebung nur zuhören und dann so
schnell wie möglich wieder gehen.
Als wir auf dem Obermarkt ankommen, ist der
große Platz bereits voller Menschen. Dicht gedrängt stehen die
Leute. Wir stellen uns in die hinterste Reihe, weit entfernt von der Rednertribüne.
Während der Kundgebung wieder weggehen, können wir trotzdem nicht,
das würde zu sehr auffallen. Deshalb bleiben wir die ganze Zeit am
gleichen Ort stehen.
Endlich sind alle Reden gehalten. Die Kundgebung
ist aber noch nicht zu Ende. Über die Lautsprecher auf dem Markt ertönen
die ersten Takte vom "Deutschlandlied". Alle Menschen vor und neben uns
recken sofort den rechten Arm zum Hitlergruß in die Höhe und
singen, viele mit ganzer Inbrunst, die von den Nazis zur Nationalhymne
erklärte erste Strophe dieses Liedes sowie unmittelbar danach das
Marschlied "Die Fahne hoch".
Der geschlossene Hitlergruß der Menschenmassen
zusammen mit dem gemeinsamen Singen der beiden Nazihymnen sind für
mich Dinge, die ich nicht mitmachen will. Ich schaue fragend zu meinem
Vater hoch und frage ihn leise, was wir tun wollen. Er antwortet mir mit
gedämpfter Stimme, dass wir besser ebenfalls den Arm heben sollten.
Es würde von anderen Leuten beobachtet werden, ob wir auch mittun.
Ich begreife, daß Vater Recht hat, weil wir auf dem Markt allein
sind mit unserer Meinung von den Nazis. Ohne mitzusingen, stehen wir mit
erhobenem Arm beieinander, bis der Gesang aufhört und die Kundgebung
beendet wird.
Noch wissen wir nicht, daß schon in knapp
zehn Monaten das Nazireich nicht mehr existiert.