Es ist ein Wochenende Mitte Juli, ein Samstag. Ein herrlicher
Tag kündigt sich an, sonnig und mild. Wir wollen ihn ausgiebig nutzen,
die schöne Umgebung von Freiberg genießen und deshalb zeitig
zu einem kleinen Ausflug aufbrechen.
Wir, das sind: meine immer lustige Schwiegermutter Elsa, meine kleine
Enkeltochter Anja, fast drei Jahre alt, und ich, Mara, eine sehr junge
Großmutter.
Freiberg, zwischen Dresden und Chemnitz gelegen, ist eine zauberhafte
kleine Stadt mit alter Bergbautradition, einem sehr gut erhaltenen mittelalterlichen
Stadtkern, einer Stadtmauer von beachtlichem Ausmaß, dem Schloß
Freudenstein und dem Freiberger Dom mit seiner Tulpenkanzel und der
berühmten Silbermannorgel.
Wir haben uns vorgenommen, den Freiberger Tierpark zu besuchen,
der abseits der Altstadt liegt. Er ist eingebettet in die sanfte, hügelige
Landschaft am Rande des Erzgebirges. Sein Tierbestand ist nicht groß,
aber interessant, und weist viele Tiere auf, die in der Umgebung zu Hause
sind. Die Tiere dürfen gefüttert werden, dafür steht artgerechtes
Futter in Behältnissen bereit. Es gibt hier auch einen Streichelzoo
für die Kinder, der großen Zuspruch findet. Hier verbringen
wir natürlich die meiste Zeit.
Am Ende des schönen Spazierweges angekommen, legen
wir eine Pause ein, Ännchens müde Beine streiken. Ich nehme mein
kleines Mädchen auf den Arm, ihr Köpfchen sinkt auf meine linke
Schulter, sie schläft sofort ein. Wer jemals ein schlafendes Kind
längere Zeit auf seinen Armen trug, der weiß, dass bei jedem
Schritt sich die natürliche Schwerkraft zu vervielfachen scheint.
Wir kommen nur langsam voran. Unser Heinweg führt uns zu den
drei Kreuzteichen, die vor der Altstadtmauer liegen. Aus dem
Erzgebirge kommend, fließt der Goldbach durch diese Teiche, um schließlich
etwas tiefer im Tal in den Münzbach zu münden. Die Kreuzteiche
sind miteinander durch unterirdische Kanäle verbunden, die unter den
Gehwegen zwischen den Teichen verlaufen. Vor jedem Teichabfluß befindet
sich ein kleines, gemauertes Fangbecken von etwa 50 Zentimeter Breite und
70 Zentimeter Tiefe. Es ist mit einem eisernen Gitter versehen; angeschwemmtes
Holz und Unrat werden somit aufgefangen.
Wir sind am oberen Kreuzteich angekommen. Mein kleiner, noch
etwas müder Wanderer erwacht auf meinem Arm. Ich stelle das Kind vorsichtig
auf den Boden und wir gehen langsam weiter.
Schon von weitem hören wir laute Schreie auf dem Wasser. Wer
mag da wohl so laute Töne von sich geben, eine Gans, ein Schwan? Wir
sehen Spaziergänger eilig zu einer Stelle des oberen Teiches
laufen. Ein zwei Meter hoher und 10 Meter langer, fester Drahtzaun
ist hier als Schutz zur Straße angebracht. Dort bleiben die
Spaziergänger stehen und schauen auf das Wasser. Wir nähern uns
dieser Menschentraube und bleiben ebenfalls stehen. Der Schrei wird lauter,
schriller: hier erleben wir ein "tierisches Drama".
Die Übersicht auf den Teich ist von unserem Standpunkt
aus sehr gut. Die rechte Seite hat einen dichten Schilfbestand, der Enten,
Blesshühnern, Haubentauchern mit ihren Jungen ausreichend Schutz bietet.
Aber die Tiere schwimmen aufgeregt auf dem Wasser umeinander herum, geben
laute und schrille Schreie von sich.
Was sich vor unseren Augen abspielt, ist ein einmaliges Naturschauspiel:
Eine Blesshuhnmama nähert sich immer wieder dem Wasserablauf dicht
vor uns. Sie kehrt um, schwimmt zurück zu ihren vier Jungen, die sie
in der Obhut anderer Schwimmvögel zurückläßt. Wieder
kommt sie auf uns zu, will auf etwas aufmerksam machen, schreit laut. Und
wieder antwortet ein starker Schrei vom oberen Teil des Teiches. Jetzt
ist das Tier zu erkennen, es kommt etwas näher, hält aber einen
Sicherheitsabstand zu uns: Es ist ein schwarzer Schwan! Ein wunderschöner,
großer und stolzer Vogel, der nun in Aktion tritt. Seine Schreie
werden noch lauter, imposant reckt er seine weiten Flügel in die Höhe,
stellt sie ganz hoch, hebt den Körper leicht aus dem Wasser und "rennt"
los. Große und kleine Kreise ziehend, bewegt er sich so, als liefe
er auf der Wasseroberfläche. Wieder kommt er eilig auf uns zu, stürmt
erneut davon. Er modelliert seinen Schwanengesang zwischen tiefen, hohen
und schrillen Tönen und leisen Zwischentönen. Seine schwebenden
Bewegungen direkt über der Wasseroberfläche sind eine einzigartige
Darbietung. Er scheint zu tänzeln.
In einem Augenblick der Ruhe hören wir ganz in unserer Nähe
ein zartes, ängstliches Piepsen. Unsere Sinne konzentrieren sich augenblicklich
auf die Quelle der zarten Hilferufe. Sie kommen aus dem kleinen Auffangbecken
direkt vor uns.
Der Schwan zieht seine Kreise immer näher zu uns Menschen hier
am unteren Teichrand. Nun ist es klar, sein Auftritt ist eine Botschaft
an uns, wir sollen helfen!
Ein junger Mann deutet den Hilferuf der Tiere richtig, klettert
beherzt über den Zaun, geht dem zarten Klageton nach, schaut in das
kleine Auffangbecken und holt vorsichtig ein recht kraftloses Blesshuhnkücken
heraus. Augenblicklich ist die Alte neben ihm, schreit erregt. Der Retter
wendet sich vorsichtig der Mama zu, setzt das Kleine neben ihr ab, das
im sicheren Wasser sein zartes Stimmchen. erhebt. Blitzschnell schießt
das Blesshuhn auf ihren Ausreißer zu, stupst ihn kurz mit ihrem Schnabel
an und treibt ihn zu den Geschwistern in den sicheren Schilfgürtel
zurück.
Der Schwan verabschiedet sich mit starkem Flügelschlag, einigen
stolzen Schreien und verläßt die Bühne als wolle er sagen:
Seht her, meine Mission ist hiermit beendet; ohne meine Schreie, ohne meinen
Tanz wäre niemand auf das Kückendrama aufmerksam geworden. –
Augenblicklich verschwindet er und kehrt wieder zu den anderen Schwänen
an den oberen Teichrand zurück.
Auf dem Kreuzteich zieht erneut Ruhe ein. Die Zuschauer verlassen
ihren Standort und gehen weiter. |
Vor Aufregung und Erstaunen über das Erlebte klammert sich
meine kleine Anja fest an mich. Ich habe sie während der ganzen
Show auf meinen Armen gehabt. Sie umschlingt mit ihren beiden Ärmchen
meinen Hals und ist noch lange Zeit ganz still und sprachlos. Etwas
Seltenes an ihr. Es ist auch für uns Zeit, weiterzugehen.
~~~~~
|