Mitte Oktober des Jahres 2007 erfuhr ich von meinem Cousin
per Telefon, daß man das Haus des Kraftverkehrs, in dem unsere Familie
von 1937 bis 1967 wohnte, abgerissen hatte. Mit dem Haus wurde auch der
große, für Omnibusse und LKW gebaute Garagentrakt bis
auf ein paar Reste weggeräumt. Die erst in den zwanziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts errichteten Gebäude waren mit dem Wiedereinzug
des Privateigentums endgültig dem Verfall preisgegeben worden, nachdem
in den achtziger Jahren auch nicht mehr sonderlich viel für ihren
Erhalt getan wurde. Wie letzte, ein halbes Jahr vor dem Abriß gemachte
Fotos zeigen, war der lange Garagentrakt stark verkommen, während
das dreistöckige Wohnhaus weiterhin einen soliden und architektonisch
bemerkenswerten Eindruck machte.
Berichten der örtlichen Presse konnte man entnehmen, daß
der Abriß Teil einer städtischen Kampagne war, der eine ganze
Reihe von Häusern, darunter auch denkmalgeschützte Gebäude,
trotz massiver Bürgerproteste zum Opfer fiel. Hintergrund des Gebäudesturms
war eine auf finanziellen Abmachungen beruhende und von der Stadtverwaltung
abgesicherte Übereinkunft zwischen Baugesellschaften der Stadt Freiberg,
wo die dem Abriß überantworteten Gebäude standen, und dem
hessischen Darmstadt, das mit Freiberg schon vor längerer Zeit einen
„Städtevertrag" abgeschlossen hatte.
Bleibt als Tatsache, daß die Stadtoberin von Freiberg bald nach
den Abrissen der Gebäude im Ergebnis einer Oberbürgermeisterneuwahl
im Juni 2008 ihren Platz räumen mußte.
Offenkundig hatten Stadtverwaltung und Verkehrsbehörden schon im
letzten Jahrzehnt der DDR kein schlüssiges Konzept und wohl auch keine
hinreichenden Finanzmittel für die Erhaltung und weitere Nutzung des
Gebäudekomplexes Eherne Schlange 1. Man ließ die Sache vor sich
hindümpeln. Die Wohnungsmieter mußten bereits 1967 ausziehen,
da alle Räume in Büros verwandelt wurden. Eigentlich sollte das
schon Anfang der fünfziger Jahre passieren, aber die in Karl-Marx-Stadt
sitzende Bezirksleitung des Kraftverkehrs nahm damals, wohl auch wegen
Protesten der Wohnungsmieter, von diesem Plan einstweilen wieder Abstand.
Jetzt zogen auch nicht zum Kraftverkehr gehörende Institutionen mit
in das Haus ein. Man hatte als Außenstehender jedoch den Eindruck,
daß sich keiner der Nutzer so recht für Pflege und Erhalt des
Hauses und der Garagen verantwortlich fühlte. Erste sichtbare Zeichen
des Verfalls traten auf.
Ab 1990 verschlechterte sich die Situation zusehends, wie einige konkrete
Beispiele zeigen. Die steinerne Treppe, welche von der Straße in
den kleinen Hof führte, begann zu zerfallen und brach schließlich
ganz zusammen. Das gleiche Schicksal ereilte die Mauern und Tore, welche
das Kraftverkehrsgelände von der Straße abgrenzten, sowie die
Eingangspforte am ehemaligen Wohnhaus. Der kleine Hof am Haus und der langgestreckte
Gartenbereich hinter den Garagen blieben ohne jede Pflege und verwilderten.
Die Garagenzeile verkam zu einem Bild des Jammers.
Das alles geschah zu einer Zeit, als sämtliche Räume des
Hauses noch von Betrieben und Behörden genutzt wurden.
Jedem auf der Straße Vorbeilaufenden wurde es leicht gemacht,
mit dem Finger auf Haus und Garagen zu zeigen und zu erklären:"Das
muß alles weg!"
Das Abreißen der Gebäude und das Wegräumen der Trümmer
des Gebäudekomplexes Eherne Schlange 1 war schnell erledigt. Ein großer
Parkplatz trat an die Stelle der bisherigen Bauten. Erhalten blieb nur
der Münzbach, der in einem ausgebesserten und zum Teil erneuerten
Rohr wie bisher unter der Ehernen Schlange dahin rauscht ...
Und was nun? Wie zu lesen ist, grübelt man in dem Freiberger Planungsunternehmen
Saxonia über ein Konzept für die Neubebauung des abgeräumten
Geländes. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, daß der
zuvor abgelaufene Totalabriß offensichtlich nach der aus Western-Filmen
bekannten Devise erfolgte: "Erst schießen, dann fragen!"