Das Haus ist grosszügig gebaut. Es hat drei Etagen, Erdgeschoss
eingeschlossen. Jede Etage wird von jeweils einer Familie bewohnt. Die
beiden Obergeschosswohnungen haben fünf Zimmer (drei grosse und zwei
kleine) sowie eine grosse Wohnküche. Die Wohnung im Erdgeschoss ist
etwas kleiner, da ein Raum von der Reichspost als Büro genutzt wird
und ausserdem der Hausflur Platz benötigt.
Der Dachboden (wir nennen ihn "Oberboden") ist geräumig und für
das Wäscheaufhängen eingerichtet. Für jede Familie steht
auf dem Oberboden noch eine Bodenkammer zur Verfügung.
Auch der Keller ist nach Familien aufgeteilt. Dazu kommen ein grosser
Heizungskeller für das Beheizen von Büroräumen der Post,
die sich neben dem Haus befinden, sowie ein stets verschlossener Keller
mit dem Türschild „IVAG", was „Industrieverkehrs-Aktiengesellschaft"
bedeutet.
Im Kellergeschoss, aber nur von aussen zugänglich, ist auch das
von allen Familien benutzbare Waschhaus mit einem grossem kupfernem Waschkessel,
eingebaut in einen Ofen für Holz- und Kohlefeuerung. Damit das Wasser
zum Beginn der "Grossen Wäsche" heiß genug ist, muß schon
frühmorgens gegen drei Uhr der Ofen angeheizt werden.
Die Wohnungen in allen drei Etagen haben in jedem Zimmer einen Kachelofen
und in der Wohnküche einen Kohleherd. In der Küche ist auch ein
Anschluss für Kochgas. Das neben der Küche liegende Bad hat einen
Gasbadeofen und eine grosse Badewanne. Auch eine Brause (Dusche) für
warmes und kaltes Wasser ist vorhanden. Unbeheizbar ist nur die kleine,
hinter dem Baderaum befindliche Toilette (der „Abort").
Die Zahl der Wohnungsfenster in jeder Etage ist fast unermesslich gross.
In den beiden Obergeschosswohnungen sind jeweils elf zweiflügelige
Doppelfenster, jedes mit einem gleichfalls doppelflügeligen Fensterladen
aus grüngestrichenem Holz.
Die Innenflügel der Doppelfenster werden im Frühjahr ausgehängt
und auf dem Oberboden abgestellt. Das sind die Winterfenster. Im Herbst
werden sie wieder vom Oberboden geholt und für die Dauer der Winterzeit
erneut eingehängt. Die Sommerfenster bleiben immer im Fensterrahmen.
Diese ganze Fensterwirtschaft geschieht, wie man sich denken kann, sehr
zur „Freude" der Hausfrau und ihrer Helfer, denn die eingehängten
Fenster müssen ja alle paar Monate geputzt werden.
Das Fensterputzen erfolgt in zwei Arbeitsgängen. Im ersten Gang
werden die Fenster mit warmem Seifenwasser und Fensterleder gründlich
gereinigt. Im zweiten Gang erfolgt das Blankputzen, wofür man sauberes
Zeitungspapier verwendet. Das Papier von Illustrierten ist, nicht nur für
diesen Zweck, ungeeignet.
Eine Attraktion besonderer Art ist das Treppenhaus, das sich in einem
turmartigen Vorbau des Wohnhauses befindet. Die Treppen sind breiter als
in vielen anderen Häusern und daher auch mit Gepäck, Kinderwagen
und dergleichen gut begehbar.
Die Stufen bestehen aus grünlich-grauem Granit. Höhe und
Tiefe der Stufen ermöglichen selbst kleineren Kindern ein gefahrloses
Benutzen. Auch gefährliche Stolperkanten an den Stufen gibt es nicht.
Alle Treppenabsätze und -podeste sowie der Hausflur sind
bläulich-hellgrau gefliest. Aus den Fenstern der Treppenabsätze
kann man in die zur Hauptstraße hin liegenden Gärten der
Nachbargrundstücke sehen und beispielsweise erkennen, ob die Augustäpfel
schon reif sind.
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Vom Fenster des obersten Treppenpodests hat man
freien Blick auf die lange Spitze der Jacobikirche mit ihrer grossen Turmuhr,
was sehr praktisch ist. Wer wissen will, wie spät es ist, geht einfach
vor unsere Wohnungstür (wir wohnen im obersten Stockwerk) und sieht
aus dem Hausfenster. Wenn die Kirchturmuhr nicht stehen geblieben
ist (was ab und zu vorkommt), sieht man sofort "was die Glocke geschlagen
hat". Natürlich funktioniert das nur bei Tageslicht.
Ausserdem kann man sich von diesem Hausfenster
aus auf das Dach des Garagentrakts herablassen und dort spazieren gehen.
Das Garagendach ist von beachtlicher Länge. Im hausseitigen, kürzeren
Teil ist das Dach nur nach einer Seite, im rechtwinklig dazu anschließenden
und bedeutend längeren Teil wie ein regelrechtes Hausdach nach zwei
Seiten hin abgeschrägt. Die Dachschrägen sind nur mäßig
geneigt, so daß man ohne Gefahr auf ihnen laufen kann. Den aus Drahtglas
bestehenden großen Oberlichtfenstern auf dem Garagendach geht man
allerdings lieber aus dem Weg. Aufpassen muß man bei einer Dachwanderung
auch, daß man vom Hofmeister nicht gesehen wird. Ist das doch einmal
der Fall, so wechselt man am besten schnell die Dachseite und macht sich
unsichtbar.
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Das Treppenhaus bedeutet für die Mieter aber nicht nur Freude und
Vergnügen, sondern auch Arbeit. Jeden Tag müssen die Treppen
samt Absätzen und Podesten von den Hausbewohnern gefegt und gewischt
sowie jede Woche einmal gescheuert werden. Das Treppenscheuern geschieht
mit Ata und lauwarmem oder notfalls auch kaltem Wasser. Der schwere Wassereimer
muss dazu die Treppen runter und rauf geschleppt werden. Nach dem Scheuern,
was immer zum Wochende erfolgt, legen wir auf unseren Treppenabsatz eine
grosse Pappe,damit alles schön sauber bleibt. Das sieht aber auch
nicht besonders gut aus. Besser haben es die Mieter der Wohnung im Erdgeschoss,
denn sie brauchen keine Treppen, sondern nur den gefliesten Hauseingang
und den Zugang zur Kellertreppe mit seinen läppischen zwei Stufen
zu fegen, zu wischen und zu scheuern. Dafür liegt aber im Erdgeschoss
mehr Schmutz als in den oberen Etagen, und Pappen gibt es dort auch nicht.
Wer ist eigentlich für die lange dunkle Kellertreppe zuständig?
Ich habe es vergessen. Für Kellergänge, Hof und Oberboden sind
jedenfalls alle Mieter in der Pflicht.
An jeder Haustreppe ist an der zum Treppenschacht offenen Seite
ein aus lackierten Metallrohren bestehendes und mit einem massiven Handlauf
aus poliertem Holz versehenes Geländer angebracht.
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Da die vier Haustreppen unterschiedlich viele
Stufen haben (von der zweiten zur ersten Etage sind es zweimal neun, von
der ersten Etage zum Erdgeschoss einmal sieben und einmal elf Stufen),
kommt man beim Geländer-Herabrutschen auf unterschiedliche Geschwindigkeiten.
Das grösste Tempo erzielt man auf dem Geländer der untersten
Treppe mit ihren elf Stufen. Die schnelle Abwärtsfahrt endet hier
kurz vor der grossen gläsernen Windfangtür, hinter der sich in
etwa drei Meter Abstand die Haustür befindet. Theoretisch wäre
es möglich, mit dem erreichten Tempo bei geöffneten Türen
bis auf den grossen Hof zu rutschen. Auch bis in den Keller könnte
man rutschen, das wären mindestens nochmals elf Stufen. Aber dazu
müsste man kleinere Umbauten vornehmen, woran in Kriegszeiten nicht
zu denken ist. Der Bau eines Luftschutzkellers ist eben wichtiger als eine
zusätzliche Rutschbahn für Halbwüchsige, Kinder und Kind
gebliebene Erwachsene!
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Übrigens: Man rutscht im seitlichen Sitz und freihändig das
Geländer herunter. Nur kleine Kinder und Mädchen rutschen auf
dem Bauch und halten sich ausserdem noch mit beiden Händen fest!
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