Dr. phil. Maximilian Pflücke  (1889 –1965)

Mitbegründer und Stellvertretender  Vorsitzender
der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation im NS-Deutschland
 
 

Biographische Skizzenblätter 13- 17
Autor: Dr. Eberhardt Gering, Berlin
Stand vom 16. Oktober 2007
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Verzeichnis der Skizzenblätter
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Skizzenblatt 1

Übersicht der beruflichen und politischen Tätigkeiten
Skizzenblatt 2
Erste Jahre
Skizzenblatt 3
Politische Orientierungen
Skizzenblatt 4
Partei- und Organisationszugehörigkeiten bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 5
Leiter des Chemischen Zentralblatts bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 6
Beauftragter im Reichsforschungsrat unter Hermann Göring
Skizzenblatt 7
Leiter des Zentralnachweises für ausländische Literatur 
Skizzenblatt 8
Amtierender Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft
Skizzenblatt 9
Teilnahme an Internationalen Tagungen zur Dokumentation
Skizzenblatt 10
Mitarbeit im Fachnormenausschuß Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen
Skizzenblatt 11
Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 12
Salzburger Tagung 1942
Skizzenblatt 13
Politische Entlastungen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 14
Auseinandersetzung mit politischen Vorwürfen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 15
Politische Orientierung nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 16
Weiterführung des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 17
Rolle in der Nachkriegsphase der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 18
Aktivitäten zur Schaffung eines Instituts für Dokumentation
Skizzenblatt 19
Ehrungen und Auszeichnungen
Skizzenblatt 20
Letzte Jahre 
Skizzenblatt 21
Publikationen von Maximilian Pflücke
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der Biographien
 


 
   
Skizzenblatt 13

Politische Entlastungen nach Kriegsende 1945

   
Sofort nach dem Zusammenbruch des NS-Staates begannen Pflückes Bemühungen um positive politische Leumundszeugnisse. Insbesondere sein frühzeitiger Eintritt in die NSDAP belastete ihn. Sein Engagement in der Dokumentationsgesellschaft des Dritten Reiches und seine damit im Zusammenhang stehenden Kontakte mit führenden Institutionen des NS-Systems wurden zum Gegenstand von Auseinandersetzungen mit Pflücke. 

Vom Berliner Magistrat durchgeführte Untersuchungen der Rolle Pflückes im NS-Staat stützten sich  auf politisch motivierte massive Angriffe von Pflückes früheren Mitarbeitern Fritz Pangritz und Eugen Klever (siehe Skizzenblatt 14). 
Auch von außen kamen schwere Beschuldigungen. Belegt sind hier die über mehrere Jahre gegen Pflücke im aggressiven Ton geführten Aktionen von Helmut Alter, die sich auch gegen den Geschäftsführer des Weinheimer Verlages Chemie, Eduard Kreuzhage, richteten. Der Verlag Chemie setzte Rechtsmittel ein und erreichte am 19. 12, 1953 beim Landgericht Berlin (Charlottenburg) eine einstweilige Verfügung gegen H. Alter. /1/ 

In der Hauptsache ging es sowohl Pangritz und Klever als auch H. Alter darum, Pflücke aus seinen leitenden Funktionen in der Deutschen Chemischen Gesellschaft und in den zentralen wissenschaftlichen Publikationsorganen der Chemie (Chemisches Zentralblatt u. a.) herauszuwerfen. 
Wie in Zeiten politischen Umbruchs die Regel, vermischten sich auch hier objektiv berechtigte Vorwürfe mit Angriffen, die unter der Gunst der Stunde zum "Begleichen alter Rechnungen" gestartet wurden. Sowohl mehr oder weniger verdeckt (Pangritz und Klever) als auch offen (H. Alter) wurde dabei Pflückes Bemühen, gemeinsam mit den sowjetischen Besatzungsbehörden die Weiterführung des Chemischen Zentralblattes zu sichern, sowie sein offenes Bekenntnis "zum Osten" zur Hauptzielscheibe solcher Angriffe. 
Nicht alles, was sich  in den ersten Nachkriegsjahren hierzu abspielte, läßt sich im Rahmen dieser Biographischen Skizze umfassend darstellen, zumal die Quellenlage unvollständig bwz. lückenhaft ist.  /2/

Politische Entlastungszeugnisse (Auswahl)  /3/ , /4/
Verfasser Adresse Datum
Dr. Erich Pietsch  Leiter des Gmelin-Instituts in der DChG, Berlin 25.6.1945
Friedrich Richter  Leiter des Beilstein-Instituts der DChG, Berlin  28.6.1945; 14.8.1945
Prof. Havemann / Dr. Wende  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Berlin-Dahlem 27.7.1945
Emil Peschel  KPD-Ortsgruppe Potsdam  01.09.1945
Dr. Richard Asmus  Berlin-Dahlem 13.12.1945
Dr. Erich Beccard  Verein Deutscher Chemiker, Berlin NW 21  28.12.1945
Prof. Dr. Louis Dede  Berlin-Lichterfelde Ost, z.Zt. Zwingenberg / Baden  26.06.1946
Prof. Dr. Rudolf Weidenhagen  Neuhoffstein, Pfalz  03.08.1948
Erich Pietsch (Leiter des Gmelin-Instituts) bezeichnete in seiner Entlastungserklärung vom Juni 1945 Pflücke als einen Mann, "dem das Wohl der Forschung stets im Vordergrund steht und seine Handlungen bestimmt." /5/
Die Integrität von Pietsch als Entlastungszeuge für Pflücke ist nicht gewährleistet. Während des 2. Weltkrieges war Pietsch an der Ausplünderung von Forschungseinrichtungen besetzter Länder beteiligt. Wie Archivdokumente belegen, war er als Mitarbeiter im Reichsforschungsrat gemeinsam mit Thiessen (Direktor des KW-Instituts für physikalische Chemie und im Reichsforschungsrat Fachspartenleiter für allgemeine und anorganische Chemie) bemüht, die "außerordentlich großen Apparatemengen" aus ukrainischen Forschungsinstituten für die deutsche Kriegsforschung "zu sichern". Im vorletzten Kriegsjahr nahm Pietsch an Aktionen mit dem Ziel teil, Material aus italienischen Forschungsinstiuten zu erbeuten. /6/  , /7/
Großen Anteil hatte Pietsch an der Berufung Pflückes zum Beauftragten des Reichsforschungsrates (siehe Skizzenblatt 6). Die Tatsache, daß im vorliegenden Fall ein Mann mit NS-Vergangenheit dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Pflücke einen "Persilschein" ausstellte, läßt die ganze Entlastungserklärung fragwürdig erscheinen.
Friedrich Richter (Leiter des Beilstein-Institutes) erklärte in seinem Schreiben vom Juni 1945: "Herr Dr. Pflücke hat sich meines Wissens im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeit niemals aktiv politisch betätigt ..."/8/
In einem Brief an Pflücke vom August 1945 präzisierte Richter: 
"Wie ich Ihnen gern bestätige, erinnere ich mich, das seinerzeit für Ihren Eintritt in die NSDAP dahingehende Wünsche des Vorstandes unserer Gesellschaft mitbestimmend gewesen sein dürften. Es wurde zweifellos gern gesehen, dass leitende Angestellte auf diesem Wege in der Lage waren, ihren Einfluß gegenüber den Behörden in wissenschaftspolitischen Fragen besser geltend zu machen." /9/
Richard Asmus  (Dr.phil., Chemiker) schrieb im Dezember 1945 an Pflücke: 
"Es ist mir ein besonderes Bedürfnis, Ihnen zu bestätigen, dass mir in den langen Jahren , die ich Sie nun kenne, keine Tatsachen bekannt geworden sind, die Ihr Verhalten gegenüber Antifaschisten, auch insbesondere Juden, unkorrekt erscheinen liessen. ... Sie haben auch, wie allgemein bekannt war, dafür gesorgt, dass den jüdischen Mitgliedern der Deutschen Chemischen Gesellschaft nicht offiziell gekündigt wurde und jüdischen Kollegen das Arbeiten in der Bibliothek der Deutschen Chemischen Gesellschaft ohne Rücksicht auf die politische Situation ermöglicht worden ist." /10/
Erich Beccard (Vorstandsmitglied im Bezirksverband Groß-Berlin und Mark des Vereins Deutscher Chemiker und selbst kein ehemaliges NSDAP-Mitglied) teilte die Auffassung, daß Pflücke "der Nationalsozialistischen Partei beigetreten ist in dem Glauben, als Schriftführer die Vereinsinteressen als Parteimitglied besser vertreten zu können." /11/
Louis Dede (nach eigener Aussage kein ehemaliges Mitglied der NSDAP oder ihrer Gliederungen) schrieb in seiner Beschenigung vom Juni 1946, daß Pflücke "keineswegs den Anschauungen der NSDAP zuneigte" und daß Pflücke schon vor vielen Jahren erklärt habe, nur deshalb Mitglied der NSDAP geworden zu sein, "um zu verhindern, dass von dort aus die Interessen der Wissenschaft geschädigt werden." Erst später habe Pflücke erkannt, "dass auch das Opfer seiner Überzeugung solche Entscheidungen nicht hat abwenden können." /12/ /13/
Rudolf Weidenhagen von der Deutschen Chemischen Gesellschaft gab im August 1948 gegenüber der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Abteilung Hochschule und Wissenschaft, eine schriftliche Erklärung ab, in der es u.a. hieß:
"Pflücke ist trotz seiner Parteizugehörigkeit kein Nationalsozialist im eigentlichen Sinne gewesen. Er verstand es aber auch hier, das politische System für sich einzuspannen und schreckte gelegentlich nicht davor zurück, politische Belastungen auszusprechen, wenn es zweckendienstlich war ..."
[Zentralarchiv Humboldt-Universität Berlin, Personalakte Maximilian Pflücke Nr. 1197/46, Schreiben vom 3.8.1948. Mitgeteilt von H.-J. Samulowitz im Dezember 2006].
Weidenhagen war im Dritten Reich Generalsekretär der DChG und wurde in diesem Amt wegen Einberufung zur Wehrmacht ab 1943 von Pflücke vertreten (siehe Skizzenblatt 8). Seine späte Stellungnahme drei Jahre nach Kriegsende dürfte auf eine Anforderung der Ostbehörden im Zusammenhang mit der vorgesehenen Berufung Pflückes zum Hochschulprofessor zurückgehen. 
Große Unterstützung in seinen Entlastungsbemühungen erhielt Pflücke im Juli 1945 durch eine Bescheinigung, die vom Leiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Prof. Havemann, und vom Leiter der antifaschistischen Betriebsgruppe des KW-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie, Dr. Wende,  unterschrieben wurde. Im ersten Absatz dieser Bescheinigung wurde mit nachdrücklichen und etwas hochtönenden Formulierungen die Bedeutung der Zielperson wie folgt hervorgehoben:
"Wir bestätigen Herrn Dr. Maximilian Pflücke, dass er als Chefredakteur des weltbekannten Chemischen Zentralblat-tes  und zugleich als Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft die Geschicke dieser internationalen wissenschaftlichen Organisationen im Auftrage des Président de l´ Union de Chimie, Prof. Dr. Richard Kuhn, zur Zeit zu lenken hat. Weiterhin ist er als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften beauftragt mit der Organisation und Schaffung des Institutes für Dokumentation."  /14/
Im weiteren Text wurden die Fachkenntnisse und Erfahrungen Pflückes als "für die Fortführung bzw. den Wiederaufbau lebenswichtiger naturwissenschaftlicher Forschung unersetzbar" bezeichnet. Das sei auch der Grund
 "für das ausserordentliche Interesse der Sowjetunion, Herrn Dr. Pflücke zu Arbeiten heranzuziehen, die für die internationale Wissenschaft , im besonderen für die wissenschaftliche Forschung seitens der Sowjet-Union, von Bedeutung sind. Dr. Pflücke arbeitet eng zusammen mit einer Moskauer Sonderkommission, die unter Leitung des Oberstleutnant Kargin steht, und geniesst deshalb auch Schutz durch die russischen Besatzungsbehörden." 
Weiter hieß es in der Bescheinigung: 
"Herr Dr. Pflücke musste ungefähr 1937 in die ehemalige NSDAP eintreten und könnte aus diesem Grunde teilweise Schwierigkeiten bei der Ausübung seiner Tätigkeit haben. Er hat sich nachweislich niemals aktiv politisch betätigt. Schriftliche Nachweise darüber liegen vor. Aus den angeführten Gründen haben die Unterzeichneten die Ausstellung einer Unbedenklichkeitserklärung in die Wege geleitet." /15/
Zu dieser Bescheinigung ist folgendes zu bemerken: 
1. Im Nachlaß von Pflücke befindet sich nur eine Abschrift des Dokuments, ohne authentische Unterschriften. Um vollständige Sicherheit hinsichtlich der Authentizität des Textes zu erhalten, müßte das handschriftlich unterzeichnete Original der Bescheinigung mit der vorliegenden Abschrift verglichen werden. /16/
2. Die Diktion des Textes, insbesondere das Überbetonen der fachlichen Qualitäten und des internationalen Rufes von Pflücke, entspricht der in vielen Pflückeschen Texten zu erkennenden Gepflogenheit, die eigene Person  im Übermaß hervorzuheben. Es ist daher nicht auszuschließen, daß die oben auszugsweise zitierte Bescheinigung zumindest zum Teil von Pflücke selbst entworfen und dann, nach eventuellen Korrekturen, zur Unterschrift vorgelegt wurde.
3. Die Nennung eines "ungefähren" Jahres des NSDAP-Eintritts ist irreführend. Pflücke wußte natürlich, daß er schon 1933 seinen Eintritt angemeldet hatte und 1936 als Mitglied aufgenommen wurde. Damit fiel er aber objektiv unter die Kategorie I der Belasteten, für die wenige Monate später eine Anordnung der Alliierten Kommandantur in Berlin galt, daß sie wegen ihres vor 1937 erfolgten NSDAP-Eintritts aus ihren Stellungen zu entlassen sind.  /17/
4. Dem ersten Absatz der Bescheinigung (siehe oben) ist zu entnehmen, daß Pflücke unter Verweis auf seine 1941 übernommene Funktion des stellvertretenden Vorsitzenden der DGD von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mit der Schaffung des Instituts für Dokumentation beauftragt wurde. Mit diesen von Pflücke anscheinend vorformulierten Aussagen haben die Unterzeichner der Bescheinigung gleich zwei Pflückesche Wunschvorstellungen unterstützt: zum einen, daß Pflücke die mit dem Ende des Dritten Reiches zusammengebrochene Gesellschaft für Dokumentation weiterhin repräsentiert und zum anderen, daß Pflücke in eben dieser Funktion von der KWG den Auftrag erhalten habe, ein Dokumentationsinstitut aufzubauen. Beides entspricht nicht der wenige Wochen nach Kriegsende bestehenden Realität. Möglicherweise wurden hier auf das Chemische Zentralblatt bezogene Weisungen der sowjetischen Besatzungsbehörden, denen Pflücke zur damaligen Zeit als technischer Mitarbeiter unterstellt war, in vereinfachter Form auf die Pflückeschen Modellvorstellungen übertragen.
Die in der Bescheinigung vorgesehene "Unbedenklichkeitserklärung" wurde am 1. September 1945 ausgestellt. Sie enthielt das richtige Eintrittsjahr in die NSDAP (siehe unten).
In einem undatierten Schriftsatz aus den Jahren 1945 oder 1946 mit dem Titel "Persönlichkeit und künftige Aufgaben" schreibt Pflücke zu der genannten Unbedenklichkeitserklärung:
„Nach einer Besprechung  zwischen Dr. Wende, dem Leiter der antifaschistischen Betriebsgruppe im Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem, und dem politischen Leiter der Ortsgruppe Potsdam der KPD, Emil Peschel, ist mir bereits am 1. 9. 1945 ein Unbedenklichkeitszeugnis ausgestellt worden.  /18/
Die vorliegende Abschrift der Unbedenklichkeitserklärung (des Unbedenklichkeitszeugnisses) hat folgenden Wortlaut:  /19/
Geschäftsstelle der KPD      Potsdam, den 1. 9. 1945
Ortsgruppe Potsdam      Spandauer Straße 20

Herr Dr. Maximilian Pflücke, Potsdam, Kastanienallee 35, war Mitglied der NSDAP seit 1936.
Weder in seinem Wohnbezirk noch in seinem Betrieb als Betriebsleiter des Deutschen Chemischen Zentralblattes und als Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft ist Dr. Pflücke jemals in Wort oder Schrift noch als Amtsleiter der Partei aufgetreten.  In mehreren nachgeprüften Fällen hat er Personen, die durch die NSDAP verfolgt wurden, wirksam geholfen bzw. helfen wollen. Seine entschiedene klare aufbauwillige Haltung für den neu aufzubauenden demokratischen Staat ist ebenfalls nachgewiesen..
Herr Dr. Pflücke fällt aus diesen Gründen nicht unter die Straf- und Erziehungsmaßnahmen, denen die ehemaligen Angehörigen der NSDAP unterliegen. Ebenso ist gegen Herrn Dr. Pflücke als Betriebsleiter der obengenannten Einrichtungen nichts einzuwenden.

Ortsgruppe Potsdam der KPD        gez. Emil Peschel

In einer zwischen 1945 und 1947 verfaßten neunseitigen Selbstdarstellung unter dem Titel "Persönlichkeit und künftige Aufgaben" nannte Pflücke eine Reihe von Namen, deren Träger er quasi zu Zeugen seiner politischen Lauterkeit machte. Die betreffende Textpassage lautet:
"Über meine Person und meine wissenschaftliche Einschätzung in den Fachkreisen  sowie über meine politische Einstellung  können Auskunft geben
Prof. Dr. R. Havemann, Leiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Berlin-Dahlem, …;
Prof. R. Rompe, Zentralverwaltung in der Sowjetischen Besetzungszone, Berlin W, ...;
Prof. Dr. Otto Liebknecht, Bruder von Karl Liebknecht und Sohn des bekannten Sozialisten Wilhelm Liebknecht, Potsdam-Babelsberg ...;
Prof. Erich Thilo, I. Chemisches Institut der Universität Berlin, ...;
Dr. Wende, Leiter der antifaschistischen Betirebsgruppe des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie, Berlin-Dahlem;
Prof. Otto Hahn, z.Zt. Göttingen
und auf Wunsch andere international namhafte Gelehrte." /20/
Pflücke brachte hier zur Absicherung seiner bereits von anderen Personen geleisteten Entlastungshilfe (siehe oben) die Namen von Politikern und Wissenschaftlern ins Spiel, die in der Öffentlichkeit besonders bekannt waren (Robert Havemann, Robert Rompe, Otto Liebknecht, Otto Hahn). Mit der indirekten Einbeziehung der Namen des lange verstorbenen Arbeiterführers Wilhelm Liebknecht und des 1919 von den Vorläufern der Nazis ermordeten Karl Liebknecht in die Liste der Entlastungszeugen hat Pflücke den Bogen jedoch überspannt. Die Namensliste erweckt dadurch den Eindruck einer überhöhten Selbstdarstellung Pflückes, zu der er "auf Wunsch" noch "andere international namhafte Gelehrte" heranzuziehen bereit war. Es bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, sich eine solche verlängerte Namensliste vorzustellen ...
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 13
   
1 Archivdokumente:
Brief Pflücke an H. Alter vom 28. 02. 1949 (Einladung zu einem von Alter gewünschten Gespräch), NL Pflücke Ordner 21;
Auszug aus dem Schreiben des Verlags Chemie, Weinheim/Bergstraße vom 23.5.1949 an die Empfänger des Alter´schen "Werberundschreibens" vom 12.5.1949;
Als "Vertraulich" gekennzeichnetes Schreiben von  H. Alter an die Gesellschaft für Kohlentechnik, Dortmund-Eving vom 20.11.1953;
Beschluß des Landgerichts Berlin (Charlottenburg) vom 19. 12. 1953 über eine einstweilige Verfügung gegen Helmut Alter, Berlin-Schöneberg, NL Pflücke, Ordner 24;
Schreiben des Verlages Chemie (Weinheim) an den Akademie-Verlag Berlin (Ost) vom 7. 1. 1954, NL Pflücke Ordner 24;
Schreiben H. Alter an den Vorstand des Buchhändler-Börsenvereins Frankfurt/Main vom 7. 2. 1954, NL Pflücke Ord-ner 24;
Schreiben E. Kreuzhage, Verlag Chemie (Weinheim) an Rechtsanwalt Reimer (Berlin-Zehlendorf) vom 17. 2. 1954, NL Pflücke Ordner 24.
Alle aufgeführten Dokumente bzw. deren Abschriften befinden sich im Archiv BBAW, Nachlaß Pflücke.
2 Schriftstücke von Pangritz und Klever selbst standen für die vorliegende Skizze nicht zur Verfügung. Alle Darlegungen des Autors stützen sich auf Pflückes Berichte sowie auf schriftliche Bemerkungen von Havemann und Wende. 
3 Archiv BBAW, NL M. Pflücke 1 Nr. Ordner 32.
4 Die zitierten Entlastungserklärungen stellen eine Auswahl dar. Im Nachlaß Pflücke (Archiv BBAW) befinden sich weitere Dokumente dieser Art.
5 Erich Pietsch: Erklärung vom 25.6.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke
6 Susanne Heim: "Die reine Luft der wissenschaftlichen Forschung". Zum Selbstverständnis der Wissenschaftler der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft. – Forschungsprogramm "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus", Ergebnisse 7, 2002, Seite 30-31.
7 Erich Pietsch (1902-1979) war von 1956 bis 1961 Präsident der DGD.
8 Friedrich Richter: Bestätigung vom 28.6.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke
9 Friedrich Richter: Brief an Pflücke vom 14.8.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke. 
10 Richard Asmus: Brief an Pflücke vom 13.12.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke. Zu Richard Asmus vgl. Dissertation
auf dem Gebiet der Chemie vom 7.2.1924, SB Berlin, Signatur MS 24/644 (Auszug).
11 Erich Beccard: Bescheinigung vom 28.12.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke. 
12 Louis Dede: Bescheinigung vom 26.6.1946. – BBAW-Archiv, Nachlaß Pflücke
13 Prof. Dede war Redakteur der "Physikalischen Berichte" in der Deutschen Gesellschaft für Technische Physik (siehe Bericht FNA-Sitzung am 14.1.1937)
14 Robert Havemann; Wende: Bescheinigung vom 27.07.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32
15 Robert Havemann; Wende: Bescheinigung ... a.a.O
16 Eine Suche nach dem Original oder einem abgezeichneten Duplikat der Bescheinigung erfolgte bisher nicht.
17 Anordnung der Alliierten Kommandantur in Berlin vom 26.2-1946 BK/O (46) 101a betr. Entnazifizierung. – Abschrift (auszugsweise) im Archiv BBAW, Nachlaß Pflücke, Ordner 32. In Punkt 2 der Anordnung heißt es: "Personen sind aus ihren Stellungen wegen mehr als nur nomineller Tätigkeit in der NSDAP ... zu entlassen, wenn sie I. der NSDAP beitraten, oder als Mitglieder angenommen wurden, bevor Mitgliedschaft im Jahre 1937 Zwang wurde.[...]"
18 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. – Undatierter Text, vermutlich 1945 oder 1946 
(vgl.Jahreszahl  1947 auf Seite 5). – Seiten.7-8. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 32.
19 Schreiben der KPD-Geschäftsstelle Potsdam vom 1.9.1945 (Abschrift). – BBAW-Archiv, Nachlaß Pflücke, Ordner 32. Das Orignal des Schreibens lag nicht vor.
20 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben ... a.a.O. S. 2-3. 
 
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    Skizzenblatt 14

Auseinandersetzung mit politischen Vorwürfen nach Kriegsende 1945

    
Ost-West-Auseinandersetzung um das Chemische Zentralblatt

Hauptsächliche Auslöser der Auseinandersetzungen waren die beiden Mitarbeiter in der Redaktion des Chemischen Zentralblatts, die Chemiker Dr. Fritz Pangritz und Dr. Eugen Klever. Sie gehörten zu der von Pflücke geleiteten Redaktion des Chemischen Zentralblatts. /1/  Über Klever ist bekannt, daß ungefähr 1928 seine Inaugural-Dissertation mit dem Thema "Zur Frage der Existenz einer H3-Modification des Wasserstoffes ..."  erschien. /2/   Zusammen mit Pflücke war Klever einer der beiden Chefredakteure des Chemischen Zentralblatts (ChZbl). Kurz nach Kriegsende 1945  kam es zur Bildung einer "Arbeitsgruppe Chemisches Zentralblatt", "in der sich diejenigen Redakteure unter Eugen Klever und Fritz Pangritz zusammengeschlossen hatten, die Pflücke auf Grund seiner früheren politischen Haltung für die Weiterführung des Zentralblatts für ungeeignet hielten." /3/

Ende November 1945 löste Pflücke die bisherige Redaktion des Chemischen Zentralblatts auf und verlegte dessen weitere Herstellung nach Potsdam. Anfang November 1946  erhielt der Verlag Chemie (Sitz in Berlin West und Heidelberg) vom Leiter der "Information Control Branch im US Berlin District" eine eigene Lizenz zur Herausgabe des Zentralblatts. /4/  Als Redakteure des Zentralblatts mit Sitz in Berlin-Charlottenburg wurden von der Berliner US-Militärregierung Eugen Klever und Fritz Pangritz bestätigt. /5/  Damit bestanden für das ChZbl jetzt zwei Arbeitsgruppen./6/

Am 5. März 1947 wurde der inzwischen gegründete Akademie-Verlag der Deutschen Akademie der Wissenschaften vom Volkskommissariat der Chemischen Industrie der UdSSR "mit der erneuten Herausgabe der Zeitschrift Chemisches Zentralblatt, welche früher der Deutschen Chemischen Gesellschaft gehörte, beauftragt ..." /7/
Im gleichen Monat gab der Verlag Chemie (Berlin West und Heidelberg) sein erstes Heft des Chemischen Zentralblatts heraus. Kurz darauf, im April 1947, erschien das vom Akademie-Verlag (Berlin Ost) herausgegebene erste Heft des ChZbl. Damit war fürs erste die Trennung in eine West- und eine Ost-Herausgabe des ChZbl vollzogen 

Erst mit der  "Leverkusener Vereinbarung" vom Dezember 1949 wurde festgelegt, daß das ChZbl ab 1. Januar 1950 als Gemeinschaftswerk  im Auftrag der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Gesellschaft Deutscher Chemiker von Maximilian Pflücke im Akademie-Verlag und im Verlag Chemie herausgegeben wird. Als Chefredakteure wurden Eugen Klever für die West- und Maximilian Pflücke für die Ost-Redaktion benannt. /8//9/

Stellungnahmen Pflückes zu politischen Vorwürfen

Unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges wandten sich Klever und Pangritz gegen Pflücke mit Vorwürfen zu seiner NS-Vergangenheit.  Spätestens im Februar 1946 verfaßten  sie diesbezüglich ein Schreiben, das sie vermutlich an die Abteilung Volksbildung im Magistrat der Stadt Berlin richteten und zu dem am 1.3. 1946 eine Besprechung erfolgte. /10/     Bezugnehmend auf diese Besprechung schrieb Pflücke am 6.3. 1946 an den Berliner Magistrat und nahm zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung. Die Hauptgedanken seines 6-seitigen Schreibens werden im folgenden zusammengefaßt wiedergegeben. .

  • Pflücke bestritt, ein aktiver Nationalsozialist gewesen zu sein, da er weder die Position eines Blockwarts, Zellenwarts oder dergleichen eingenommen und auch in den Organisationen der NSDAP keine Funktionärsstellung bekleidet habe. Er begründete seinen Eintritt in die NSDAP wie oben bereits dargestellt.  Als Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft (DChG) habe man ihn  erst nach Kriegsausbruch eingesetzt, als der bisherige Amtsinhaber Dr. Weidenhagen zum Heeresdienst einberufen worden war.
  • Pflücke erklärte, daß die Behauptung, die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation (DGD) sei eine politische, im besonderen von der SS gesteuerte Organisation gewesen, auf einem grundlegenden Irrtum beruhe. Die DGD sei auf Betreiben des Staatsbibliotheks-Generaldirekors Krüss auf Grund von  Absprachen, die auf dem Internationalen Kongress für Dokumentation 1937 in Paris erfolgten, ins Leben gerufen worden und sollte ein Podium für friedliche internationale Verständigungsarbeit darstellen. 

  • Im Laufe des Krieges habe  sich die DGD notgedrungen auch mit dem Import ausländischer Zeitschriften und Bücher beschäftigen müssen und habe mit den von der Forschungsnothilfe beim Reichsforschungsrat erhaltenen Geldern einen Zentralnachweis über die importierten wissenschaftlichen Zeitschriften eingerichtet. Mit Fortschreiten des Krieges hätten sich die SS und vornehmlich der SD (Sicherheitsdienst) der politischen Kontrolle des Zentralnachweises bemächtigt. Die Beschaffung ausländischer Literatur sei  eine Existenzbedingung gewesen.
  • In derselben Richtung (wie der Zentralnachweis) hätten auch die Arbeiten für den Reichsforschungsrat (RFR) gelegen, die er "im Jahre 1944 in der höchsten Notzeit der deutschen Forschung auf Veranlassung und durch Vermittlung des bereits im Reichsforschungsrat arbeitenden Kollegen und Herausgebers des Gmelin-Handbuchs, Herrn Dr. Erich Pietsch", übernommen habe. Pflückes Titel im Rahmen des RFR habe nicht  "Beauftragter des Reichsmarschalls", sondern "Der Beauftragte für die Organisation der wissenschaftlichen Berichterstattung im Reichsforschungsrat" gelautet.  Pflückes  Stellung und seine Arbeiten hätten  nie einen politischen Charakter gehabt, sondern seien  vorzugsweise rein wissenschaftliche Arbeiten und Reden gewesen. 
  • Ausführlich ging Pflücke auf den Fall seiner jüdischen Mitarbeiterin Käthe Fiegel ein, deren Entlassung aus der DChG Pflücke  trotz aller Bemühungen  nicht verhindern konnte. Er legte einen Brief vor, den Frau Fliegel im Januar 1937 an Pflücke geschrieben hatte und in welchem sie sich mit wärmsten Worten für die wohlwollende schriftliche Beurteilung ihrer Mitarbeit am Chemischen Zentralblatt bedankte und Pflücke als einen "gütigen und gerechten Chef" bezeichnete./11/ Nachdem die Nazibehörden Frau Fiegel nach ihrer Entlassung auch noch der Wohnung beraubten, nahm sie sich in ihrer Verzweiflung das Leben.
  • Die Darstellungen von Dr. Pangritz und Dr. Klever entsprächen nicht den Tatsachen. Es sei bedauerlich, daß insbesondere Dr. Pangritz durch falsche Angaben die Position Pflückes in jeder Weise zu untergraben suche und sich zum Ziel seiner gesamten Bestrebungen dessen phsychische  und physische Vernichtung gesetzt habe. Pflücke  bedaure es lebhaft, daß Menschen, die ihm noch vor kurzem (das heißt bis Kriegsende) mit großen Dankesbezeugungen zur Seite gestanden hätten,  nun ein so anders geartetes Bild ihres Charaktes an den Tag legten. Pflücke glaube, daß die Hochachtung, welche seitens der russischen Fachkollegen der deutschen Forschung entgegengebracht wird, ein Beweis sei  für den Willen zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Umso mehr habe Pflücke die besonders von Dr. Klever  offen an den Tag gelegte und mehrfach zum Ausdruck gebrachte Ablehnung der Zusammenarbeit Pflückes mit den sowjetischen Kollegen getroffen.
  • Im übrigen habe die nationalsozialistische Regierung den 1936 und 1943 von den  weltbekannten Chemikern Prof. Dr. A. Stock und Prof. Richard Kuhn unterbreiteten Vorschlag, Pflücke den Professorentitel zu verleihen, jedesmal abgelehnt. Das sei ein Zeichen gewesen, daß Pflücke nicht zu den ihren gerechnet wurde. /12/ 

Am 22. 5. 1946 fand bei Dr. Wende eine Besprechung statt, auf der erneut die  von Pangritz und Klever gegen Pflücke vorgebrachten Beschuldigungen zur Sprache kamen. /13/

Im Vordergrund stand die Beschuldigung, Pflücke habe Umgang mit SS-Stabsoffizieren gehabt. Pflücke bestritt dies und erklärte, er sei "überhaupt nicht in eine engere Beziehung zu diesen Herren getreten." Seine Kontakte mit einer Wehrmachts- und  später mit einer SD-Stelle hätten lediglich  die Beschaffung von ausländischen Zeitschriften, die für das Weiterführen der Arbeiten am ChZbl und damit für den Fortgang der Forschung existenzbedingend gewesen seien, zum Gegenstand gehabt. Verantwortlicher Leiter der vom SD geführten Zeitschriften-Importstelle war laut Pflücke der "Leipziger Professor Prinzhorn". /14/  Weder die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation (DGD) noch der von der DGD unter Leitung von Prinzhorn und Pflücke geführte Zentralnachweis für ausländische Literatur wurden in diesem Zusammenhang erwähnt. Als Auftraggeber für die Zusammenarbeit mit der o.g. SD-Stelle nannte Pflücke nur die Deutsche Chemische Gesellschaft.
In seiner schriftlichen Stellungnahme vom 24. 5. 1946 zu der zwei Tage zuvor stattgefundenen Besprechung schreibt Pflücke über die Absichten, welche nach seiner Meinung Pangritz und Klever mit ihren Angriffen gegen ihn verfolgten:
"Die Gesinnung beider Herren zeigt, dass sie von Anfang an eine Zusammenarbeit mit Rußland sabotierten und an dieser Einstellung auch jetzt noch festhalten, so dass ihr Vorgehen nicht aus den mir von ihnen genannten Motiven heraus, sondern von rein politischen Gesichtspunkten hinsichtlich meiner Zusammenarbeit mit der Sowjetunion diktiert wird." /15/
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 14
   
1 Pflücke an Fischer, Magistrat der Stadt Berlin, Abt. Volksbildung, 6.3.1946. – BBAW-Archiv NL  M. Pflücke, Ordner 32, 6 Blatt. Das Schreiben bezieht sich auf eine am 1.3.1946 erfolgte Besprechung in der Angelegenheit Dr.M.Pflücke. Ort der Besprechung war vermutlich das Gebäude der Deutschen Chemischen Gesellschaft (vgl. die Betrifft- Zeilen im Schreiben  von Pflücke).
2 Zur Frage der Existenz einer H3-Modification des Wasserstoffes ..., von Eugen Klever. Inaug. Diss.-- Berlin 1928 (?).  Recherchiert im Internet/WWW (20. Juli 2007).
3 Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – Verlag Chemie GmbH Weinheim/Bergstraße 1967, S.192.
4 Schreiben des Office of Military Government, US Berlin District, Information Control –Branche (F.N.Leonard) vom 4.11.1946, zitiert in: Walter Ruske …, a.a.O. S.193.
5 Brief E.Klever und F.Pangritz an R.Kuhn (Deutsche Chemische Gesellschaft) vom 19.12.1946, zitiert in: Walter Ruske …,  a.a.O. S.193.
6 Walter Ruske … a.a.O., S.193
7 Schreiben der Geschäftsleitung des Volkskommissariats der Chemischen Indusrie der UdSSR vom 5.3.1947, zitiert in : Walter Ruske …, a.a.O. S.196.
8 Walter Ruske: ... a.a.O., S. 198
9 Titelblattangaben (Beispiel) einer Gemeinschaftsausgabe: Chemisches Zentralblatt 1955. Vollständiges Repertorium für alle Zweige der Reinen  und Angewandten Chemie, 126. Jahrgang; Autor: Dr. Eugen Klever, Prof. Dr. Maximilien Pflücke; Erscheinungsjahr 1955, Akademie Verlag GmbH, Berlin, 1403 Seiten.
10 Das Schreiben von Pangritz und Klever liegt nicht vor.
11 Das Original des Briefes befindet sich im BBAW-Archiv, Nachlaß Pflücke 1, Ordner 32. Eine Abschrift des Briefes ist dieser Skizze als Anlage beigefügt.
12 Alle Aussagen dieses Textes sind dem bereits zitiertem Schreiben entnommen, welches Pflücke am 6. März 1946 an die Abteilung Volksbildung im Magistrat von Berlin gerichtet hat.
13 Wo die Besprechung stattfand und wer daran teilgenommen hat, ist aus Pflückes Brief nicht ersichtlich. Es ist anzunehmen,daß neben Wende zumindest auch Pangritz und Klever sowie Pflücke selbst anwesend waren.
14 Prinzhorn war Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation.
15 Schreiben Pflücke an Wende vom 24.5.1946. – BBAW-Archiv, Nachlaß Pflücke 1, Ordner 32
 
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Skizzenblatt 15

Politische Orientierung nach Kriegsende 1945

    
Beantragung der Aufnahme in die SED

1947 (das genaue Datum ist nicht bekannt) stellte Pflücke einen Antrag zur Aufnahme in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Der Antrag wurde vom SED-Kreisvorstand Potsdam zurückgestellt. In dem diesbezüglichen Schreiben heißt es: 

"Auf Grund der Vereinbarungen der antifaschistischen Parteien kann eine Aufnahme von Mitgliedern der ehem. NSDAP oder deren Glederungen z.Zt. nicht erfolgen. Wir müssen deshalb Ihren Aufnahmeantrag bis nach Festlegung einer anderen Regelung zurückstellen." /1/
Was Pflücke zu dem Aufnahmeantrag letztlich veranlaßte, geht aus einem im August 1947 verfaßten Schreiben der Dahlemer SED-Kreisorganisation hervor, in welchem die Potsdamer Parteiorganisation gebeten wird, die weitere Betreuung Pflückes zu übernehmen, bis eine Aufnahme in die Partei möglich sei. Dieser Wechsel der Zuständigkeit hing damit zusammen, daß Pflücke Ende 1945 die Redaktion des Chemischen Zentralblatts von Westberlin (US-amerikanischer Sektor) nach Potsdam (sowjetische Besatzungszone) verlegt hatte. 
In dem von Dr. Wende (1. Vorsitzender der SED in Berlin-Dahlem) verfaßten Schreiben wird eine politische Kurzcharakteristik Pflückes gegeben:
"Bei meiner Tätigkeit in der Verwaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem lernte ich Dr. Pflücke nach dem Zusammenbruch bei Verhandlungen über die Haltung und Fortführung der wissenschaftlichen Dokumentation, insbesondere des Chemischen Zentralblattes kennen. Dabei stellte sich heraus, dass sich Dr. Pflücke den Kreisen anschloß, die für eine fortschrittliche und entschieden demokratische Neugestaltung des gesamten geistigen und kulturellen Lebens eintraten.
Den Wiederaufbau des Chemischen Zentralblattes nahm er (Pflücke) in enger Zusammenarbeit mit der russischen Besatzungsmacht vor. Nach dem Einmarsch der Amerikaner versuchten diese, veranlasst durch antisowjetisch eingestellte Kräfte, in der Redaktion des Chemischen Zentralblattes Dr. Pflücke vom Auf- und Ausbau des Chemischen Zentralblattes unter russischer Lizenz abzubringen und die Zusammenarbeit mit den Amerikanern aufzunehmen. Dr. Pflücke wurde verschiedene Male zu Besprechungen zu den Amerikanern gebeten; er lehnte aber alle Angebote ab.
Im Einverständnis mit dem Kreissekretariat 10, Berlin-Zehlendorf, ..., hat die Betriebsgruppe des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie, deren Leiter, und der Stadtteil Dahlem, deren 1. Vorsitzender ich bin, vorgeschlagen, Dr. Pflücke in die Partei aufzunehmen, sobald die Möglichkeit dafür gegeben wäre.
Nach der endgültigen Übersiedlung des Betriebes des Deutschen Chemischen Zentralblattes vom Kaiser - Wilhelm - Institut für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem nach Potsdam ist die Betreuung Dr. Pflückes durch die hiesigen Parteiorganisationen nicht mehr möglich." /2/
Es ist nicht bekannt, ob Pflücke zu einem späteren Zeitpunkt doch noch SED-Mitglied geworden ist. Einen Hinweis darauf, daß Pflücke parteilos blieb, gibt ein Glückwunschschreiben Walter Ulbrichts an Pflücke zu dessen 75. Geburtstag, in dem Pflücke als "Herr" und nicht als "Genosse" angesprochen wird. /3/
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 15
   
1 SED-Kreisvorstand Potsdam an Pflücke, 7.7.1947. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32
2 Schreiben Dr. Wende, SED-Organisation Berlin-Dahlem an die SED-Organisation Potsdam vom August 1947. – 
Archiv BBAW NL M. Pflücke 1 Ordner 32.
3 Glückwunschschreiben Walter Ulbrichts (DDR-Staatsratsvorsitzender und 1. Sekretär des ZK der SED) an Pflücke vom 26.07.1964. – Archiv BBAW NL M. Pflücke Ordner 14.
 
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Skizzenblatt 16

Weiterführung des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945

 
Stellung des Chemischen Zentralblatts in der bipolaren Welt nach dem zweiten Weltkrieg

Nach Pflückes Einschätzung stellte das "Chemische Zentralblatt" das Zentralorgan der Unterrichtung des Chemikers dar. Es wurde auch im Ausland (USA, England, Frankreich und im besonderen Rußland) als erstklassig und einmalig anerkannt. Nach dem Vorbild des Chemischen Zentralblatts wurden 1907 die US-amerikanischen "Chemical Abstracts" geschaffen. Im Verlauf des zweiten Weltkriegs haben die Amerikaner ihre Berichterstattung auf diesem Gebiet ausgedehnt und auch den Betrieben zugänglich gemacht. Dadurch würden die "Chemical Abstracts" zukünftig auch die Wünsche in den angelsächsischen Ländern durchaus befriedigen können. Das deutsche Chemische Zentralblatt würde dann in diesen Ländern nur noch aus traditionellen Gründen und ohne jede weitere Entwicklungsmöglichkeit vegetieren können.

Anders als die amerikanische war die russische Einstellung. Das Chemische Zentralblatt (ChZbl) hatte, wie Vertreter der verschiedensten sowjetischen Kommissionen Pflücke bestätigten, in der Sowjetunion einen höheren Stellenwert als die amerikanischen Chemical Abstracts (CA). Besonders geschätzt wurden die Vollständigkeit und die vorbildliche registermäßige Erfassung im ChZbl. /1/
 

Zusammenarbeit mit sowjetischen Instanzen

Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Berlin wurde Pflücke Mitarbeiter im Technischen Büro des Ministeriums der Chemischen Industrie der UdSSR mit Sitz in Berlin-Weißensee. Das genannte Ministerium übertrug Pflücke als dem Herausgeber des Chemischen Zentralblatts 1946 die Weiterführung dieses Berichterstattungsorgans und setzte ihn zu diesem Zweck als Leiter einer bibliographischen Gruppe mit einem Monatsgehalt von 2000 RM ein. /2/

In einem Brief an den Bezirksbürgermeister Berlin-Tiergarten präzisiert und ergänzt Pflücke Ende November 1945 die Beschreibung des o.g. Sachverhalts:
„Der Unterzeichnete, der Herausgeber des Chemischen Zentralblatts, ist als ältester Beamter der Deutschen Chemischen Gesellschaft vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Dr. Richard Kuhn, zum Generalsekretär und Betriebsführer der Deutschen Chemischen Gesellschaft ernannt worden. Er führt die Geschicke der Gesellschaft, bis die alliierten Nationen sich über die künftige Lage und das Weiterbestehen kultureller Organisationen, im besonderen der Deutschen Chemischen Gesellschaft, klar geworden sind.
Gleich bei der Besetzung von Berlin hat mich die russische Besatzungsbehörde und die Staatsregierung der Sowjetunion mit der Betreuung der Deutschen Chemischen Gesellschaft beauftragt und mich nachträglich zum Sachbearbeiter des Technischen Büros des Volkskommissariats Wissenschaft und Technik eingesetzt. Als solcher habe ich die Aufgabe gehabt, die Substanz der Deutschen Chemischen Gesellschaft durch Aufräumungsarbeiten zu retten und durch Sicherungsmaßnahmen dieselbe zu erhalten. Ich habe keinen Auftrag bekommen, den Betrieb hinsichtlich Produktion weiterzuführen. [....]
Die Deutsche Chemische Gesellschaft ist ein Arbeitskreis im Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik gewesen, und es ist zweifelhaft, in welcher Form die Gesellschaft künftig behandelt werden wird. Aus diesem Grunde hat der Vorsitzende, Prof. Dr. Richard Kuhn, sich über das Frankfurter zuständige Büro der amerikanischen Besatzungsbehörden an die Washingtoner massgebenden Stellen gewandt, die über das Schicksal der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu entscheiden haben.  Es befindet sich also die jetzige Deutsche Chemische Gesellschaft in Liquidation, das Generalsekretariat ist auf Veranlassung der Besatzungsbehörden nach Potsdam verlegt worden.  [.....] 
Die Verlegung des Generalsekretariats nach Potsdam ist deshalb geschehen. um ein bequemeres Arbeiten durchführen zu können, zumal die hauptsächlichen Stellen wie Druckerei und Redaktionsmaterial sich zurzeit noch im russischen Sektor befinden." /3/
Nach Kriegsende 1945 bestand die Absicht einer sowjetischen Kommission unter Oberstleutnant Prof. Kargin, Leiter des Karpow-Institutes Moskau, Pflücke in Moskau einzusetzen und dort mit Planungsarbeiten für die UdSSR zu beauftragen.
Wie Pflücke berichtet, sagte ihm Oberstleutnant Ewentschik, der Vertreter des Bevollmächtigten des Ministeriums der Chemischen Industrie der UdSSR hierzu wörtlich:
"Wir brauchen das Chemische Zentralblatt und für die Organisation des Chemischen Zentralblatts brauchen wir Sie, sonst niemanden. Unser Minister kennt Sie, schätzt Sie und will Sie für diese Arbeiten einsetzen." /4/
Damit wurde zum Ausdruck gebracht, daß Pflücke als Chefredakteur des Chemischen Zentralblatts auf der Liste derjenigen ostdeutschen Wissenschaftler stand, die nach Kriegsende umgehend in der UdSSR für Forschungsarbeiten  eingesetzt werden sollten. 
Über den Transfer deutscher Spitzenfachleute in die Länder der Siegermächte wurde 1953 berichtet, daß es sich um mehr als 2000 Forscher und wissenschaftliche Nachwuchskräfte gehandelt haben dürfte. Schon im Dezember 1947 gab das amerikanische Verteidigungsministerium  bekannt, daß 523 deutsche Wissenschaftler in die USA verbracht wurden und daß sich diese Zahl auf 1000 erhöhen werde. Die sowjetischen Behörden haben am Ende des Krieges einige hundert Fachexperten zur wissenschaftlichen Arbeit in der UdSSR verpflichtet. /5/
Pflückes Kontrahenten, die Redakteure Klever und Pangritz, berichteten dem Präsidenten der Deutschen Chemischen Gesellschaft im Januar 1946, daß Pflücke den Plan verfolgte, das Chemische Zentralblatt "im Rahmen eines großangelegten Dokumentationsunternehmens nach Moskau zu verlegen. Seine Verhandlungen mit einer wissenschaftlichen russischen Sonderkommission unter Prof. Kargin gingen jedenfalls in diese Richtung." /6/
Mit Unterstützung von Robert Havemann, dem Leiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft,und Otto Winzer, Mitglied des ZK der KPD und Leiter der Abt. Volksbildung des Magistrats von Berlin wurde es ermöglicht, die Redaktion des  Chemischen Zentralblatts ebenso wie die Redaktion des Gmelin-Handbuches in Deutschland zu behalten. /7/
Verhandlungen mit der Vertretung des Ministeriums der Chemischen Industrie der UdSSR (Oberstleutnant Ewentschik, Frau Major Feinberg, Major Turin) ließen den Plan entstehen, anstelle einer Verlagerung der Zentralblattredaktion nach Moskau in enger Zusammenarbeit deutscher und russischer Fachwissenschaftler eine russiche Ausgabe des Chemischen Zentralblatts vorzubereiten und spätestens ab 1947 zu realisieren. Pflücke bezeichnete das als eine "geeignete Domäne für eine völkerverbindende kulturelle Gemeinschaftsarbeit, die in jeder Beziehung für die künftige deutsche Entwicklung von einer gewissen Bedeutung sein kann." /8/

Es wurde eingeschätzt, daß "allein für Rußland" mit seinen 780 Universitäts- und Hochschulinstituten etwa 1000 Exemplare des Chemischen Zentralblatts nötig sein würden. 
Seitens führender Wissenschaftler in der Zentralverwaltung der sowjetischen Besatzungszone (neben Havemann insbesondere Rompe, Brugsch und Naas) wurde darüber hinaus vorgeschlagen, den deutschen Wissenschaftlern 500 Exemplare des ChZbl zur Verfügung zu stellen. /9/

Pflücke führte bezüglich dieser Vorhaben weiter aus:

"Um alle diese Arbeiten nicht durch eine zu komplizierte interalliierte Verwaltung stören zu lassen, wurde auf Wunsch der Zentralverwaltung [der sowjetischen Besatzungszone] und der russischen genannten Stelle sowie mit Einverständnis der Provinzialverwaltung, Dr. Steinhoff, der Betrieb des Chemischen Zentralblatts von Berlin nach Potsdam verlegt, wo Herr Oberleutnant der Garde, Prof. Ludschuweit, Kommandant in Sanssouci, gemeinsam mit Herrn Amtsrat Komoll, Gartendirektor, es ermöglicht hat, dass ich in dem rechten Flügel des Orangerie-Schlosses Räume für meine Arbeiten am Chemischen Zentralblatt erhielt." /10/
Die größten, für Deutschland nahezu unüberwindlichen Schwierigkeiten beim Weiterführen des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945 sah Pflücke in der Finanzierung des Unternehmens, im Import ausländischer Zeitschriften und in der Bereitstellung der erforderlichen Mitarbeiter
Pflücke ging davon aus, daß durch die Zusammenarbeit mit den sowjetischen Behörden alle erwähnten Schwierigkeiten behoben werden können. /11/   In dieser Annahme widerspiegelte sich eine euphorische Verkennung der schwierigen wirtschaftlichen Lage, in der sich die vom zweiten Weltkrieg auf das schwerste heimgesuchte sowjetische und ebenso die ostdeutsche Volkswirtschaft befanden.
Kontakte mit Vertretern der US-amerikanischen Besatzungsmacht

Auch die amerikanische Besartzungsmacht war bemüht, Pflücke  und die Redaktion des Chemische Zentralblatts für sich zu gewinnen. Welche Erfolge die amerikanische Seite bei einzelnen Redakteuren hatte, wird im Skizzenblatt  "Auseinandersetzung mit politischen Vorwürfen nach Kriegsende 1945" beschrieben.
In einem von Dr. Wende unterzeichneten Schreiben des SED-Kreisverbandes Berlin-Zehlendorf an die Potsdamer SED-Organisation vom August 1947 heißt es bezüglich der Kontakte Pflückes mit der amerikanischen Seite:

"Nach dem Einmarsch der Amerikaner [im Westteil Berlins] versuchten diese, veranlaßt durch antisowjetisch eingestellte Kräfte, in der Redaktion des Chemischen Zentralblattes Dr. Pflücke vom Auf- und Ausbau des Chemischen Zentralblattes unter russischer Lizenz abzubringen und die Zusammenarbeit mit den Amerikanern aufzunehmen. Dr. Pflücke wurde verschiedene Male zu Besprechungen zu den Amerikanern gebeten; er lehnte aber alle Angebote ab."
Den von sich überzeugten Pflücke dürfte jedoch zumindest anfangs das beharrliche Werben von Vertretern der amerikanischen Seite nicht ganz so unbeeindruckt gelassen haben, wie man es dem obigen Brief Wendes entnehmen könnte. In einem Brief an eine nicht namentlich genannte Führungsperson der Deutschen Chemischen Gesellschaft (wahrscheinlich handelt es sich um den Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Kuhn) schrieb Pflücke kurz nach Kriegsende:
"Ich darf Ihnen vertraulich mitteilen, dass ich, mit den nötigen Zertifikaten versehen, Sachbearbeiter des Volkskommissariats Wissenschaft und Technik der Sowjetunion bin, und dass gleichzeitig, auch die Amerikaner Wert darauf legen, meine erfahrene Meinung über die verschiedenen Fragen einzuholen." /12/
In welchem Maße Pflücke für die amerikanischen Besatzungsbehörden Ansprechpartner zu wissenschaftlichen Fragen war, geht aus einem vertraulichen Brief hervor, den Pflücke am 7. Dezember 1945 an Robert Havemann, Präsident der Kaiser- Wilhelm -Gesellschaft, richtete und aus dem hier auszugweise zitiert wird:
"Die Amerikaner haben in Berlin unter Wissenschaftlern, Chemikern und wohl auch Physikern Kommissionen eingerichtet. die die Frage zu behandeln haben: Wie weit können wir Deutschland Forschungen erlauben? Mein amerikanischer Gewährsmann, der mir sehr freundschaftlich gesinnt ist, hat mir nun mitgeteilt, dass die Amerikaner gern wissen möchten, wie sich in Deutschland aufbaugewillte Fachgelehrte zu dieser Frage stellen und was sie von den Alliierten bei aller Einkalkulierung der Schuldfrage, Reparationsfragen usw. hinsichtlich Forschung erwarten. Es ist dies nahezu die adäquate Methode, wie sie nach dem ersten Weltkrieg seitens der Amerikaner angewandt wurde. [...] Auch ich wurde gefragt und entwickelte in kurzen Zügen meine Ansicht, wie seinerzeit nach dem ersten Weltkrieg. [...]
Was meine persönliche Angelegenheit betrifft, so meinte mein amerikanischer Gewährsmann, ich möchte mir keine Sorgen machen, auch diese Frage wäre bereits dort in Bearbeitung, und es wäre in meinem Falle nicht nötig, irgend etwas zu unternehmen. "/13/
Die von Pflücke im obigen Briefzitat erwähnte "persönliche Angelegenheit" betraf höchstwahrscheinlich den Erlaß der amerikanischen Kommandantur in Berlin, der allen vor 1937 in die NSDAP eingetretenen Personen das Ausüben von leitenden Funktionen untersagte.
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 16
   
1 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. – o.D., nach Kriegsende 1945 und vor 1947. -   Archiv BBAW NL M. Pflücke Ordner 32, im angegebenen Dokument auf den Seiten 4-5.
2 Beantwortung der Fragen des Personalfragebogens für Dr. Maximilian Pflücke. – Ausgefertigt nach Kriegsende 1945. ohne Datum. – Archiv BBAW NL 1 M.Pflücke,  Ordner 32. 
3 Brief Pflücke an den Bezirksbürgermeister des Verwaltungsbezirks Berlin-Tiergarten vom 30.11.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32.
4 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben ... a.a.O., S. 4
5 Größe und Verfall der deutschen Wissenschaft im zweiten Weltkrieg. – In: Bilanz des zweiten Weltkrieges. – Stalling Verlag Oldenburg/Hamburg 1953, S. 261-262.
6 Brief E.Klever und F.Pangritz an R.Kuhn, 24.1.1946. Zitiert in Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. -  Verlag Chemie Gmbh 1967, S.189. Der volle Wortlaut des Briefes liegt dem Autor dieser Skizze nicht vor.
7 Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – Verlag Chemie GmbH 1967, S. 189. Eine entsprechende Beratung gab es lt. Ruske bereits am 5. Juni 1945 in Berlin. 
8 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben ... a.a.O., S.5.
9 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben..., a.a.O., S. 4 und 6.
10 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben..., a.a.O., S. 9.
11 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben ... a.a.O., S.5
12 Aus dem Fragment eines vermutlich von Pflücke verfaßten Briefes. – Archiv BBAW, NL M. Pflücke, Ordner 21. Der Adressat des Briefs ist aus dem Fragment nicht ersichtlich. Der Brief  war offenbar an ein führendes Mitglied der DChG gerichtet (der Briefschreiber nimmt Bezug auf "das Erbe A.W. von Hofmanns") und wurde noch 1945 geschrieben. Schreibstil und Inhalt des Briefragments lassen erkennen, daß Pflücke der Verfasser des Briefes war.
13 Pflücke an Havemann, Brief mit Stempel "Vertraulich" vom 7. Dezember 1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 27.
 
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Skizzenblatt 17

Rolle in der Nachkriegsphase der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation

    
  • Deutscher Normenausschuß nach Kriegsende 1945
"Die Büros des DNA in der Dorotheenstraße waren durch Feuer nahezu vollständig zerstört worden. Nur ein Teil der Einrichtung einiger Zimmer war erhalten geblieben und konnte später geborgen werden. Die Mehrzahl der Akten und Arbeitsunterlagen war vernichtet. 
Die Büros in der Uhlandstraße, die im Jahr 1944 eingerichtet worden waren, waren vollständig erhalten geblieben; einige in den Kampftagen Tag und Nacht anwesende Angestellte konnten alle Verluste an Eigentum verhindern. Auch die in den Kellern des Hauses sichergestellten Akten und Maschinen blieben erhalten." /1/    (Die Straßennamen beziehen sich auf Berlin)
  • Die Arbeiten des FNA (Fachnormenausschuß für Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen) liefen nach dem zum Kriegsende erfolgten Tod von Krüß, dem bisherigen Vorsitzenden des FNA, nur sehr zögernd wieder an.  Als erstes wurden die Arbeiten an der Dezimalklassifikation fortgesetzt. 1946 wurde Herbert Dickmann (Bibliothekar beim Verein Deutscher Eisenhüttenleute) als Nachfolger von Krüß neuer Vorsitzender des Fachnormenausschusses. 
    • Die DGD am Scheideweg: Fortsetzung oder Neubeginn ?
    Anläßlich des 25-jährigen Jubiläums des FNA Bibliotheks-, Buch und Zeitschriftenwesen im Jahre 1952 führte Otto Frank aus: 
    „Nach dem Kriege gelang es, die, auch aus politischen Gründen vollkommen zusammengebrochene Gesellschaft für Dokumentation, wiederum vom Deutschen Normenausschuß aus, neu aufzubauen.“ /2/
    Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation unterlag nach Kriegsende keinem Verbot durch die Alliierten. /3/  Es gab auch keine Selbstauflösung der 1941 unter Regie der NS-Machtorgane gebildeten DGD. Ohne vorangehende Auflösung der alten Gesellschaft konnte jedoch keine wirkliche Neugründung stattfinden. /4/
    Der durch seine NS-Vergangenheit schwer belastete DGD-Vorsitzende Prinzhorn übergab im Herbst 1945 seine Funktion an Pflücke, bisher stellvertretender DGD-Vorsitzender. Bemühungen Pflückes, ausgehend von seinem in der sowjetische Besatzungszone gelegenen Standort Potsdam aus die Funktionsfähigkeit der DGD wieder herzustellen, verliefen faktisch ergebnislos. (siehe den Abschnitt "Briefwechsel in den ersten Nachkriegsjahren" in diesem Skizzenblatt).

    Parallel zu Pflückes Aktivitäten bildete sich im Gebiet der Westzonen unter Einschluß Westberlins eine Gruppe alter DGD-Mitglieder mit dem Ziel, die Tätigkeit der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation wieder aufzunehmen. 
    Wahrscheinlich wurde zu Beginn dieser Aktivitäten die Möglichkeit einer echten Neugründung der DGD erwogen (Dokumente und andere Belege hierüber wurden vom Autor nicht gefunden). Im weiteren Verlauf kam es jedoch zu keiner Neugründung, sondern zu einer mehr oder weniger politisch bereinigten Wiederbelebung der alten DGD, wobei sogar direkt von einer Fortsetzung der Arbeiten der "früheren Gesellschaft gleichen Namens" gesprochen wurde. /5/  Mit am deutlichsten kommt das in einem Schreiben des im Dezember 1948 neugewählten DGD-Vorsitzenden Schürmeyer zum Ausdruck, welches dieser im Oktober 1949  dem "Verein zur Förderung der Wirtschaft" zusandte:

    " [...] Die Deutsche Gesellschaft ist im Grunde keine Neugründung, sondern lediglich die Wiederbelebung einer seit langen Jahren bestehenden Gesellschaft. Vor dem letzten Kriege war der Deutsche Normenausschuss Träger der Deutschen Sektion in dem Internationalen Verband für Dokumentation. Im Jahre 1942 entwickelte sich hieraus  die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation, den damaligen Zeitverhältnissen entsprechend im nationalsozialistischen Sinne ausgerichtet. Diese alte Deutsche Gesellschaft konnte daher nach dem Kriege für die Eingliederung in den Internationalen Verband für Dokumentation (FID) nicht infrage kommen. Lediglich aus diesem Grunde erfolgte die Neugründung im Sinne einer Wiederbelebung der ursprünglichen internationalen Zusammenarbeit. Vertreter des FID nahmen an dieser Neugründung teil und stellten die baldige Anerkennung als Sektion des Internationalen Verbandes, der heute eng an die UNESCO angegliedert ist, in Aussicht. [...]" /6/
    Der durch den Zusammenbruch des Nazireiches unvermeidlich gewordene Wechsel in der DGD-Führung setzte jedoch einige in politischer Hinsicht positive Akzente. Das gilt für Frank, der während der Nazizeit eine erkennbare Distanz zum NS-Regime zeigte, für Schürmeyer und Eppelsheimer, die wegen ihrer "nichtarischen" Ehefrauen zu Opfern der NS-Rassengesetze wurden und auch für Walther, der  wegen seines Engagements auf dem Gebiet der Antroposophie /7/   und seiner "politisch-religiösen und weltanschaulichen Haltung" /8/  ins Fadenkreuz des NS-Regimes geraten war. 
    Dennoch muß man aus heutiger Sicht fragen, ob es unter den aktiven Mitgliedern der DGD des Nazireiches welche gab, die man im eigentlichen Sinn des Wortes als Widerständler bezeichnen könnte. /9/
    Zieht man alle oben dokumentierten Aussagen in Betracht, so erscheint es geboten, weder von einer "Neugründung" der DGD noch von einer einfachen Weiterführung der alten DGD, sondern von einer durch Widersprüche geprägten Reaktivierung /10/  der Dokumentationsgesellschaft, von ihrer Anpassung an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und von ihrer allmählich einsetzenden Neuformierung zu sprechen. Da es nicht zu einer Neugründung kam, kennzeichnen Reaktivierung, Anpassung und Neuformierung den Weg der DGD in den nachfolgenden Jahren. 

    Die über Jahrzehnte bis in die Gegenwart aufrecht erhaltene Fiktion einer 1948 erfolgten Neugründung der DGD hat eine offene und tabulose Auseinandersetzung mit der DGD des Dritten Reiches über weite Strecken verhindert und die DGD der NS-Zeit als einen im wesentlichen "harmlosen", ja sogar "einflußlosen Verein" erscheinen lassen. Es bedarf weiterer, kritischer Untersuchungen der gesellschaftlichen Faktoren, unter denen sich die Entwicklung der DGD in den Nachkriegsjahren vollzog, um zu einer gründlicheren Einschätzung der damaligen Prozesse zu gelangen.

    • Wer gehörte zum Vorstand der Nachkriegs-DGD ?
    Die Frage, wer im Dezember 1948 in den Vorstand der DGD gewählt wurde, läßt sich wegen einander zum Teil widersprechender Quellen nicht hinreichend genau beantworten. 

    Den ersten und vorläufigen Vorstand bildeten lt. DGD-Mitteilung Nr.1 vom Januar 1948: /11/
     

    Otto Frank  Dr.-Ing., Geschäftsführer des Deutschen Normenausschusses Berlin
    Walter Schürmeyer Dr., Düsseldorf, Vorsitzender d. Photokopie- und Reproduktionsbetriebe für Dokumentation
    Carl Walther  Bibliotheksrat a.D., Wiesbaden, ehem. Leiter d. Bibliothek d. Techn. Hochschule Aachen

    Frank, Schürmeyer und  Walther sind als der Kern einer Gruppe von Fachleuten anzusehen, die 1947/1948, nach vorausgegangenen Schritten der Jahre 1946/1947,  im großen Maßstab mit dem Reaktivieren der DGD  begann. 

    Zum Verbleib von Akten der DGD nach Kriegsende 1945 (Mitteilung aus der Deutschen Bücherei Leipzig) 

    Auf Veranlassung der damaligen Landesverwaltung Sachsen wurden 1946 Akten der DGD an Dr. Heinrich Uhlendahl, Generaldirektor der Deutschen Bücherei Leipzig, übergeben. Diese Akten im Umfang von vier Ordnern wurden 1958 makuliert.
    Im Hausarchiv der Deutschen Bücherei existiert unter dem Aktenzeichen 830/1 eine Akte mit dem Titel „Mitarbeit an sonstigen kulturellen Aufgaben / Dokumentation / Dt. Gesellschaft für Dokumentation“. In dieser Akte der Deutschen Bücherei befinden sich weitere DGD-relevante Materialien. Sie betreffen das „Nachkriegsgeschehen“ im Zeitraum 1946 bis Mitte der fünfziger Jahre. Vorwiegend handelt es sich um Einladungen und Tagungsprogramme der DGD zu Veranstaltungen, an denen aber die Deutsche Bücherei nicht mehr teilnahm.
    Es ist möglich, daß sich im Haus der Deutschen Bücherei noch ergänzendes Material befindet, das aus der Zugehörigkeit der DB zur „internationalen Gesellschaft“ (vermutlich FID) resultiert. /12/


    Briefwechsel in den ersten Nachkriegsjahren
    Datum Absender Empfänger
    22.09.1945  Prinzhorn  Pflücke
    30.10.1945  Pflücke  Prinzhorn
    05.11.1945  Pflücke  Prinzhorn
    17.11.1945  Pflücke  Stratmann
    04.10.1946  Pflücke Hoecker
    23.10.1946  Hoecker  Pflücke
    04.08.1947  Pflücke  Schürmeyer
    30.08.1947  Schürmeyer  Pflücke
    24.09.1947  Pflücke Schürmeyer
    24.04.1948  Pflücke  Stratmann
    30.04.1948  Nischk  Pflücke
    11.05.1948  Stratmann Pflücke
    24.05.1948  Pflücke  Nischk
    02.06.1948  Pflücke Nischk
    12.11.1948  Pflücke  Schürmeyer
    27.05.1948  Pflücke  Stratmann
    Briefwechsel zwischen Pflücke und Schürmeyer

    Anfang August 1947 teilte Pflücke in einem Brief an Schürmeyer (Düsseldorf, Prinz-Georg-Str.87)  sein Interesse an einem Treffen in Berlin mit. Er bezieht sich dabei auf einen geplanten Berlinbesuch Schürmeyers, von dem Pflücke durch einen Mitarbeiter der Firma Fotokopist erfahren hatte.Zugleich informierte Pflücke über seine Absicht, falls er einen Interzonenpaß bekomme, im September 1947 nach Westdeutschland zu fahren (Reiseziele u.a. Köln und Düsseldorf)  und dabei Schürmeyer aufzusuchen. /13/
    Schürmeyer antwortete Ende August, daß er bereits im Juli in Berlin war, sich jedoch wegen geschäftlicher Überlastung nicht mit Pflücke in Verbindung setzen konnte. Er würde es begrüßen, wenn er Pflücke bei dessen Aufenthalt im Westen sprechen könne. Allerdings sei er aber ab 11.9.47 in Urlaub. /14/
    Der Antwortbrief Schürmeyers klingt kühl, auch dürfte der kurze Termin kaum eine Begegnung ermöglicht haben. 

    Am 24. September 1947 schrieb Pflücke einen weiteren Brief an Schürmeyer (Photo Copie G.m.b.H. Düsseldorf, Königs-Allee 100). Er bedauerte, daß es zu keiner Zusammenkunft in Berlin gekommen ist und brachte zum Ausdruck, daß er in Berlin mit Schürmeyer "eine Vereinbarung" treffen wollte. Über Art und Ziel der beabsichtigten Vereinbarung machte Pflücke keine Angaben. Er wiederholte seine Absicht, Schürmeyer in Düsseldorf aufzusuchen. Anschließend berichtete Pflücke von seiner eigenen Tätigkeit:

    "Der Wiederaufbau des Chemischen Zentralblatts sowie meiner früheren Arbeitsgebiete [?] ist sehr schwer, aber ich konnte doch immerhin schon Tausende von Seiten des Chemischen Zentralblatts herausgeben. 
    Meine alte Liebe gilt immer noch der Dokumentation und ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns über diese Frage einmal unterhalten könnten, denn ich nehme an, dass Sie in Anbetracht Ihrer früheren vielseitigen Beziehungen jetzt ganz besonders wichtige und massgebliche Arbeiten für Deutschland zu leisten haben." /15/
    Über eine Antwort Schürmeyers auf diesen Brief liegen keine Informationen vor. Am 12. November 1948 wendete sich Pflücke erneut an Schürmeyer (Düsseldorf, Prinz-Georg-Str. 87). Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:
    "Lieber Herr Dr. Schürmeyer!
    Wie ich hörte, findet eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation am 9. und 10. Dezember d.J. in Köln statt. Ich nehme an, dass ich von Ihnen ebenfalls eine Einladung erhalten werde, da, wie Sie ja wissen, ich mich für diese Frage ausserordentlich interessiere. Mit Herrn Dr. Frank werde ich mich auch noch in Verbindung setzen.
    Ich hoffe, keine Fehlbitte getan zu haben und darf Ihnen mitteilen, dass ich mich bereits um einen Interzonenpass bemühe, und ich glaube sicher, dass ich Erfolg haben werde, sodass ich an der Tagung teilnehmen kann.
    Es freut mich aufrichtig, dass Sie nunmehr die Frage der Dokumentation so energisch in die Hand nehmen und dass allem Anschein nach eine Deutsche Gesellschaft für Dokumentation alle Interessenten auf diesem Gebiet wieder harmonisch zusammenführen wird.
    In der Hoffnung, bald etwas von Ihnen zu hören, bin ich mit kollegialen Grüßen stets der Ihre " /16/
    Analyse des Brieftextes
    Pflücke hatte offenbar keine Kenntnis von der ursprünglichen Absicht, die Tagung der DGD bereits im Juni 1948 in Köln durchzuführen. Ein Hinweis Stratmanns vom 11.5.1948 besagte lediglich, daß "demnächst" eine Sitzung in Köln stattfinden solle (siehe Briefwechsel Pflücke-Stratmann). Pflückes Wunsch, "ebenfalls" eine Einladung zu erhalten, läßt vermuten, dass er bis dahin bei den Einladungen zu dieser Tagung übergangen wurde. Sein Hinweis "da, wie Sie ja wissen, ich mich für diese Frage ausserordentlich interessiere" klingt merkwürdig, da Pflücke sich noch 1946 in Schriftstücken als Vorsitzender bzw. Stellvertretender Vorsitzender der DGD bezeichnete, niemals als solcher abgestzt wurde und deshalb mehr als nur "interessiert" sein mußte. Der zitierte Brief Pflückes weist auf eine mittlerweile entstandene Kluft zwischen West und Ost hin, die nicht allein mit der NS-Vergangenheit einer Reihe von Nachkriegs-Dokumentalisten, sondern auch mit der Herausbildung zweier völlig verschiedener politischer Systeme zu tun hatte.
    Briefwechsel zwischen Pflücke und Nischk

    Dr. Ing. Kurt Nischk (Nachkriegsadresse Wiesbaden, Niederwaldstraße 1) nahm in der Funktion eines Technischen Kriegsverwaltungsrates an der Sitzung zur DGD-Gründungsvorbereitung am 28. Mai 1941 in Berlin teil. Zusammen mit dem Kriegsverwaltungsrat Dr. Markhoff vertrat Nischk auf dieser Sitzung das Oberkommando der Wehrmacht. /17/

    Der überlieferte Briefwechsel erstreckt sich über den Zeitraum 23. April – 2. Juni 1948. Dem Brief vom 23. April 1948 (Pflücke an Nischk) ging eine vermutlich in Berlin erfolgte zufällige Begegnung voraus, bei der Nischk von Pflücke als Referent für das ChZbl gewonnen wurde. Im o.g. Brief nannte Pflücke die Honorarsätze: RM 0,20 pro Druckzeile für Zeitschriften-Referate und RM 2,00 pro Patent-Referat (diese Angaben erfolgten vor der im Juni 1948 zuerst in den drei Westzonen und wenige Tage darauf in der Ostzone Deutschlands durchgeführten Währungsreform). Mit dem Brief übersandte Pflücke einen Fragebogen zur Referiertätigkeit zwecks Ausfüllung und Rücksendung./18/

    In den Briefen vom 30. April 1948 (Nischk an Pflücke), 24. Mai 1948 (Pflücke an Nischk) und 2. Juni 1948 (Pflücke an Nischk) wurden technisch-organisatorische Fragen der Zusammenarbeit behandelt. Pflücke sicherte die Übersendung einer Druckfassung der im ChZbl verwendeten Klassifizierung zu.
    Im Brief vom 2. Juni 48 bezog sich Pflücke auf eine mit Nischk am 28.Mai in Potsdam (Schloß-Orangerie) geführte Besprechung und faßte deren Ergebnisse zusammen. Das Urheberrecht am ChZbl betreffend teilte  Pflücke "zur vertraulichen Kenntnis" mit:

    "Der Verlag Chemie war nur Kommissionsverlag für die Deutsche Chemische Gesellschaft, die das Urheberrecht am Chemischen Zentralblatt hat. Der jetzige Verlag Chemie ist anders konstituiert als der frühere Verlag Chemie und hat rechtsmässig keine Bindungen. Das Urheberrecht am Chemischen Zentralblatt ist dem Akademie-Verlag über die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin von den Besatzungsmächten übertragen worden." /19/
    Briefwechsel zwischen Pflücke und Hoecker

    Prof. Dr. Rudolf Hoecker war im gleichen Alter wie Pflücke (Geburtsjahr 1889). Wegen seiner politischen Gesinnung hatten die Nazis Hoecker 1933 als Direktor der Berliner Universitätsbibliothek entlassen. Nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" wurde Hoecker noch im Mai 1945 als Leiter der drei wissenschaftlichen Bibliotheken Berlins – Staatsbibliothek, Universitäts-Bibliothek und Bibliothek der Technischen Hochschule zusammenfassend als "Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek" bezeichnet – eingesetzt. /20/   Auf Grund massiver politischer Verleumdungen und Intrigen wurde Hoecker mit Wirkung vom 30.11.1950 seiner Funktion als Leiter der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek wieder enthoben und gekündigt. /21/
    Hoeckers nähere Bekanntschaft mit Pflücke geht offenkundig auf die Zeit zurück, in der Hoecker nach seiner zum 1. August 1936 durch die NS-Machthaber veranlaßten Strafversetzung an die Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg in der dortigen Informationsstelle für technisches Schrifttum als Fachreferent arbeitete. /22/

    Im Oktober 1946 wandte sich Pflücke mit einem hier auszugsweise zitierten Brief an Hoecker, um diesen für die Wiederbelebung der DGD zu gewinnen:

    "Sehr geehrter Herr Generaldirektor!
    Die Aufgaben der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation sind Ihnen bekannt. Die Gesellschaft, die früher von Herrn Prof. Prinzhorn geleitet wurde, ist von diesem mir übergeben worden. Ich habe ihre Geschäfte bis heute ruhen lassen, sie jedoch mit unter den Schutz des mich betreuenden russischen Ministeriums gestellt.
    Es ergibt sich nun die Frage, ob es nicht zweckmässig wäre, das Aufgabengebiet der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation wieder zum Leben zu erwecken. Zu diesem Zweck erscheint mir eine Rücksprache mit Ihnen sehr bedeutungsvoll. Gerade Sie in Ihrer jetzigen Position könnten der Dokumentationstätigkeit einen grossen Auftrieb verleihen, und ich glaube, es ist an der Zeit, diese Fragen einmal eingehend zu besprechen.
    So viel ich weiss, interessiert sich auch Herr Generaldirektor Uhlendahl in Leipzig für die Dokumentation [...]. Es erscheint mir sehr erfolgversprechend, wenn ein Gremium unter Ihrer und Herrn Dr. Uhlendahls Führung , mit Unterstützung wissenschaftlicher Fachkräfte, dieses gerade in der jetzigen Zeit wichtige Gebiet der Dokumentation vom nationalen und internationalen Gesichtspunkt aus bearbeiten würde.
    Für eine kurze Stellungnahme Ihrerseits zu dieser Anregung wäre ich Ihnen sehr dankbar. [...]" /23/
    Noch im selben Monat Oktober antwortete Hoecker auf Pflückes Brief mit einem kurzen Schreiben, in dem es unter anderem heißt:
    [...] Ich habe mich ausserordentlich gefreut,  ... wieder einmal etwas von Ihnen hören zu können, und ich glaube bestimmt, dass wir nach altgewohnter Übung noch eng miteinander zusammenarbeiten werden können. Ein glücklicher Umstand fügt es ja, dass Sie die Geschäfte der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation übernommen haben, für die ich mich immer sehr interessierte. Ich würde es daher sehr begrüssen, wenn Sie mich einmal aus Anlass der ungeklärten Dokumentationsfragen aufsuchen wollten. [...] /24/
    Es ist nicht bekannt, ob das von beiden Seiten angestrebte persönliche Gespräch über Fragen der DGD stattgefunden hat.
    Briefwechsel zwischen Pflücke und Prinzhorn

    Am 22. September 1945 schrieb Prinzhorn, der sich zu dieser Zeit im Encke-Sanatorium in Bernburg/Saale  aufhielt und ansonsten in Leipzig wohnte, an Pflücke einen längeren Brief, den er mit "Lieber Freund Pflücke" einleitete und mit "stets Ihr getreuer Prinzhorn" schloß. 
    Im ersten Abschnitt des Briefes berichtete Prinzhorn über Bombentreffer an der Leipziger Universitätsbibliothek und über die Rückholung der Lesesaalhandbibliothek aus dem Völkerschlachtdenkmal, wohin sie wegen befürchteter Luftangriffe ausgelagert worden war. Durchsetzt ist dieser Abschnitt mit Angriffen gegen Heinrich Uhlendahl, den Generaldirektor der Deutschen Bücherei, dem er unter anderem Machtstreben vorwarf. Eingeflochten in diesen Briefteil ist der Satz: "Die Amerikaner haben uns leider Beilstein, Gmelin und einige andere wichtige Werke weggenommen."
    Im zweiten Abschnitt ging es um die gegen Prinzhorn erhobenen Vorwürfe der Zusammenarbeit mit Gestapo, SD und SS. Er will diese Organisationen aber nur dafür genutzt haben, seine eigenen Ideen durchzusetzen. Die Anschuldigung, der "geheimen SS" angehört zu haben, wies Prinzhorn zurück und erklärte: 

    "Es handelt sich tatsächlich darum, dass ich in Danzig, wie so viele andere, FMSS wurde, d.h. Förderndes Mitglied der SS, wo ein bestimmter kleiner Beitrag zu bezahlen war und man nicht weiter behelligt wurde." /25/
    Direkt an Pflücke gewandt schrieb Prinzhorn weiter: 
    "Sie sind der einzige, der genau im Bilde ist, wie die Bindung zum SD, insbesondere durch die Einrichtung des Zentralnachweises, gekommen ist. Sie können mir also helfen." 
    Unmittelbar anschließend im Text versuchte Prinzhorn, sich mit Pflücke auf einen gemeinsamen politischen Standpunkt zu begeben indem er schrieb:
    "Insbesondere möchte ich erklären, dass ich – genau wie Sie – der Auffassung bin, dass wir alle, ganz gleich, ob es sich [um] von Russen besetztes oder unbesetztes Gebiet handelt, durch den Bolschewismus durch müssen und dass durch eine Bindung an Russland für uns die einzige Chance gegeben ist, wieder zu einem gewissen Lebensrecht zu kommen."
    Prinzhorn verwies auf seinen Freund Rust (Werner Rust, bis zu seiner Entlassung im Juli 1945 Stellvertreter Uhlendahls), dem es in anderer Form ähnlich gehe:
    "Auch er ist herausgesetzt worden, weil er 1932 in die Partei [NSDAP] eingetreten ist, und kämpft um seine Rechte, die ihm Uhlendahl streitig macht,"
    Zum Schluß seines Briefes wandte sich Prinzhorn dem weiteren Schicksal der DGD zu, wobei er unverändert von der Position des bisherigen DGD-Vorsitzenden aus formulierte:
    "Bezüglich der Gesellschaft /26/  habe ich in Leipzig alles getan. Sie ist von der Stadt aus genehmigt und wird auch noch bei den Russen angemeldet. In welcher Form die Doppelstellung der Gesellschaft in Berlin und Leipzig und die Neueinschaltung der Arbeit gelingt, weiss ich noch nicht. Ich muss mich mit Ihnen darüber noch auseinandersetzen." 
    Prinzhorn informierte Pflücke, daß er Frl. Tischer (Prinzhorns spätere Ehefrau) mit dem vorliegenden Brief zu ihm schicken wird. Dem Brief muß ein Treffen Prinzhorns mit einer Mitarbeiterin Pflückes vorangegangen sein, denn Prinzhorn schrieb abschließend: "Ihrer Dame habe ich neulich bereits erklärt, dass ich sehr beglückt bin, dass Sie und Ihre Frau durch die schweren Zeiten durchgekommen sind ..."/27/
    Die Überbringerin des obigen Briefes (Frl. Tischer) hat allem Anschein nach im Auftrag Prinzhorns mit Pflücke konkrete mündliche Abreden getroffen. Pflücke wartete danach ungeduldig auf eine nochmalige Bestätigung dieser Abreden bzw. Vereinbarungen durch Prinzhorn, wie sein nachstehender Brief vom 30. Oktober 1945 belegt: 
    "Sehr geehrter Herr Professor Prinzhorn!
    Ich habe in all den letzten Tagen auf ein Schreiben von Ihnen gewartet, das so dringend nötig wäre, um die Angelegenheit unserer Gesellschaft vorwärts zu treiben, zumal ich in bester Verbindung mit den massgebenden Stellen stehe. Warum lassen Sie mich in dieser Beziehung im Stich und bestätigen in einigen Zeilen nicht das, was mit Fräulein Tischer bereits vereinbart war? Es ist das so notwendig, damit ich Ihnen die erforderliche Hilfestellung geben kann, was mir unschwer gelingen dürfte. Wenn Sie aber noch lange warten, dann fürchte ich, dass wir den Zeitpunkt verpassen, um das von uns geschaffene Organ /28/ so zu festigen, dass es für uns erhalten bleibt. [...]/29/
    Bereits sechs Tage später, am 5. November 1945, schrieb Pflücke einen weiteren Brief an Prinzhorn, in welchem er den Besuch des Frl. Tischer aus Leipzig und den von ihr übermittelten Auftrag Prinzhorns"der Ordnung halber" bestätigte. Gemeint ist offensichtlich nicht ein neuerlicher Besuch von Frl. Tischer bei Pflücke, sondern der Besuch, den Prinzhorn und Pflücke bei ihrem ersten Briefwechsel bereits erwähnten. Unter Berufung auf diesen ersten und einzigen Besuch von Frl. Tischer bei ihm und auf die dort getroffenen Verinbarungen schritt Pflücke nunmehr ohne weitere Verzögerung zur Tat und bestätigte seinerseits, daß ihm von Prinzhorn das Amt des Vorsitzenden der DGD übertragen wurde. Der Brief lautete in seinen wichtigsten Passagen:
    "Sehr geehrter Herr Professor Prinzhorn!
    Der Ordnung halber bestätige ich Ihnen den Besuch Ihres Fräulein Tischer aus Leipzig, der früheren geschäftsführenden Sekretärin unserer Gesellschaft, und Ihren Auftrag, den sie mir in Gegenwart von Fräulein Hawelek, der Leiterin des früheren Zentralnachweises unserer Gesellschaft, übermittelte: nämlich die Übertragung der Rechte und Pflichten des Amtes des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation an mich.
    Ich habe sofort Fräulein Tischer mein Einverständnis erklärt und schon nach einigen Tagen die Initiative aufgenommen, um die Belange und den Aufgabenkomplex unserer Gesellschaft für den künftigen Aufbau Deutschlands zu sichern. Dies ist mir, wie ich glaube, so weit es unter den heutigen Umständen möglich ist, gelungen, zumal hinsichtlich meiner Person nach urschriftlichen Bestätigungen von massgebender Stelle keine Bedenken bestehen, sodass für die nächste Zeit ich mich berechtigt halten kann, die Belange unserer Gesellschaft autoritativ wahrzunehmen.
    Ich bitte Sie, mir postwendend mitzuteilen, in welchem Ausmass Sie sich Ihre Mitarbeit an unserer Gesellschaft gedacht haben, eine Anfrage, deren umgehende Beantwortung Fräulein Tischer mir damals zusagte.
    Die bisher bestehenden Postschwierigkeiten haben wohl Ihre Schreiben an mich stark verzögert und noch nicht in meine Hände kommen lassen. Aus diesem Grunde sende ich Ihnen das vorliegende Schreiben durch Einschreiben sowohl nach Bernburg als auch nach Leipzig sowie der Sicherheit halber in Abschrift an Fräulein Tischer nach Leipzig und Fräulein Hawelek, Charlottenburg.
    In der Hoffnung auf eine zukunftsvolle Aufbauarbeit bin ich Ihr"  (Unterschrift) /30/
    Die Fronten schienen damit klar. Pflücke konnte formal davon ausgehen, mindestens bis zu einer irgendwann fälligen Neuwahl der neue Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation zu sein. 
    Doch wie Pflücke selbst bald feststellen mußte, war diese neue Machtkonstellation an der Spitze der DGD nicht tragfähig. Die sowjetischen und ostdeutschen Behörden waren wohl an der Weiterführung des von Pflücke geleiteten Chemischen Zentralblatts und an der Schaffung weiterer Dokumentationsstellen interessiert, jedoch kam mit Sicherheit eine Weiterführung der alten, von braunen "Würdenträgern" durchsetzten DGD unter einem antifaschistisch- demokratischen Mäntelchen auf keinen Fall in Frage. 
    Pflücke mußte sich, wenn er seine Position als DGD-Vorsitzender verwirklichen wollte, an die politisch nicht oder nur wenig belasteten Dokumentationsfachleute halten, die ihren Wohnsitz bzw. Arbeitsort in den Westzonen oder in den Westsektoren von Berlin hatten. Diese jedoch betrachteten Pflücke wegen seines Arrangements mit den sowjetischen Behörden und seines Bekenntnisses zum "Osten" mißtrauisch, wenn nicht als "Verräter".  So oder so, die Weiterführung der DGD konnte nicht vom Osten aus in Gang gesetzt und gesteuert werden. Sie war objektiv zur Sache des Westens geworden, wo sich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, die alten Fachleute sammelten und ihrerseits das Heft in die Hand nahmen. 
    Briefwechsel zwischen Pflücke und Stratmann

    Wolf Stratmann vertrat auf der vorbereitenden Sitzung zur Gründung der DGD am 28. Mai 1941 die Firma Fotokopist GmbH Berlin.

    Pflücke wandte sich Mitte November 1945 an Stratmann (damals wohnhaft in Berlin-Schlachtensee) mit dem Vorschlag, im Rahmen der Gesellschaft (gemeint war die DGD) einen Spezialausschuß für Vervielfältigungswesen zu leiten. Das war kurz nach der Mitteilung Pflückes an Prinzhorn vom 5.11.45, das Amt des Vorsitzenden der DGD übernommen zu haben. Pflücke war nunmehr auf der Suche nach engagierten Mitarbeitern, zu denen er Stratmann "auf Grund unserer jahrzehntelangen Zusammenarbeit in nationaler und internationaler Hinsicht" zählte.  Auffällig ist in diesem Brief die nachstehende Passage über die Ursachen der Gründung der DGD:

    "Die von mir z.Zt. betreute Gesellschaft ist seinerzeit gegründet worden auf Grund von Besprechungen, die auf der Internationalen Konferenz für Dokumentation in Paris stattgefunden haben, und war gedacht, auf friedlichem Wege die Verständigung zwischen den Völkern enger zu gestalten. Diese Aufgaben der Gesellschaft sind jetzt noch aktueller geworden..." /31/
    "Leider", so möchte man hinzufügen, "kam damals der zweite Weltkrieg dazwischen", in welchem die eben erst gegründete DGD ganz andere, nämlich "kriegswichtige Aufgaben" hatte, an deren Lösung Pflücke aktiv beteiligt war....
    Eine Antwort Stratmanns auf diesen Brief liegt nicht vor.

    Ende April 1948 schrieb Pflücke erneut an Stratmann, diesmal nach Essen, wo Stratmann eine neue Fabrik "fotokopist GmbH" gegründet hatte. Pflücke erkundigte sich in diesem kurzen Brief nach Prinzhorn, "da ich auf meine verschiedenen Schreiben keine Antwort von ihm erhalten habe." /32/
    Stratmann antwortete am 11. Mai 1948 und teilte mit, er habe von Prinzhorn "seit meiner Abreise von Berlin weder direkt noch indirekt etwas gehört." Zugleich kann Stratmann bezüglich DGD Neues berichten:

    "Hier wird der Gedanke der Dokumentation von dem Verein der Bibliothekare noch weiter verfolgt, und die Neugründung einer Deutschen Gesellschaft oder einer Abteilung der internationalen Gesellschaft wird erwogen. Voraussichtlich soll demnächst dieserhalb eine Sitzung in Köln stattfinden.  Ich bin mit Herrn Dr. Schürmeyer, der diesen Bestrebungen nahesteht, in ständiger Verbindung, zumal ich mit ihm zusammen auch die Herstellung von Mikrobüchern für Nachschlagezwecke etc. betreibe." /33/
    In einem kurzen Antwortschreiben vom 27. Mai 1948 zeigte sich Pflücke besonders interessiert an dem Gedankenaustausch Stratmans mit Schürmeyer und bat um Bestätigung von Schürmeyers Adresse (Düsseldorf, Königsallee 100). 
    Außerdem wollte Pflücke gern Näheres wissen über die Herstellung von Mikrobüchern, da der Akademie-Verlag beabsichtigte, die alten Jahrgänge des Chemischen Zentralblatts auf diesem Wege zu vervielfältigen. Pflücke fragte bescheiden: "Könnten Sie mir etwas darüber mitteilen und dafür sorgen, dass ich ggf. an diesen Aussprachen in irgendeiner Form beteiligt werde?" /34/

    Mit  diesem Brief wurde besonders deutlich, wie wenig Pflücke noch in die Informationsflüsse der maßgebenden westdeutschen Dokumentationsfachleute eingebunden war. 

    Auch die Vorbereitung des Kölner Dokumentartages von 1948 war an Pflücke vorbeigegangen. Erst Stratmann informierte Pflücke inoffiziell über dieses Vorhaben. Pflückes Nachkriegsrolle als DGD-Vorsitzender war beendet, bevor er sie richtig wahrnehmen konnte.

    Anfang Dezember 1948 beantragte Pflücke einen "Interzonenpaß zum Besuch der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation in Köln am 9.12.1948." /35/  Wie aus der Antragsformulierung ersichtlich, ging auch Pflücke von einer Weiterführung der 1941 im NS-Staat gegründeten DGD aus und nicht von einer Neugründung.
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    Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 17
       
    1 Otto Frank: Entwicklung des Deutschen Normenausschusses vom Mai 1945 bis Ende 1948: Bericht des Geschäftsführers Dr.-Ing. O. Frank für das Präsidium des DNA, Seite 1 –  1. März 1949, maschinenschriftlich, 4 Seiten. Standort: Bibliothek des Deutschen Instituts für Normung, Berlin.
    2 Otto Frank: 25 Jahre Fachnormenausschuß Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen. – In: DIN-Mitteilungen 
    31 (1952), S.209-210.
    3 Vgl. Kontrollratsgesetz Nr. 2 Auflösung und Liquidierung der Naziorganisationen und Gesetz Nr. 58 zur Ergänzung des Anhangs zum Gesetz Nr.2 des Kontrollrats. – In: Die Proklamationen, Gesetze und Verordnungen der Militärregierung Deutschlands (Amerikanische Zone) einschließlich der Proklamationen und Gesetze der Alliierten Kontrollbehörde / Kontrollrat. – 2. Auflage, Karlsruhe April 1946, Blätter C2 und C58..
    4 Im Gegensatz hierzu steht die Behauptung in der Festschrift von 1958 zum 10-Jährigen Bestehen der DGD: "Mit dem Ausgang des zweiten Weltkrieges wurde auch die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation aufgelöst." 
    5 Gerd Simon: Buchfieber. Zur Geschichte des Buches im Dritten Reich. – GIFT Verlag Tübingen 2006, S.168.
    6 Schürmeyer an den Verein zur Förderung der Wirtschaft. – 11.11.1949.  BA B 344/9; 
    Sekundärquelle: http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/schuermeyer.pdf
    7 Anthroposophie – von Rudolf Steiner begründete Lehre, die das "Geistige" im Menschen zum "Geistigen im All" führen will. Steiner versuchte, aus einem mystischen Verständnis des Christentums heraus, eine ganzheitliche Sicht der Realität zu entwickeln. Siehe Rainer Hegenbarth: Wörterbuch der Philosophie. -  Gondrom Verlag, Bindlach 1994, Seiten 20 u. 228.
    8 Schreiben des NS-Dozentenbundes der TH Aachen an den Rektor der Hochschule, betreffend den Antrag Walthers auf Teilnahme an der Internationalen Konferenz für Dokumentation im August 1939 in Zürich: „Zu diesem Antrag habe ich Anfang März telefonisch meine Zustimmung gegeben. Die inzwischen bei mir eingegangenen Urteile über die politisch-religiöse und weltanschauliche Haltung Walthers machen es mir unmöglich, meine Zustimmung aufrecht zu erhalten.“ . -  BA 4901 REM 2785 Bl. 357.  Walther war Leiter der  "Anthroposophischen Gesellschaft". BA  4901 REM 2785 Bl. 135.
    9 Gerd Simon: Buchfieber ... – a.a.O., S. 177.
    10 Reaktivieren im Sinne von "wieder in Tätigkeit setzen". Vgl. Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache, Bd. 1. – Mannheim, Wien, Zürich 1991, S. 587.
    11 Deutsche Gesellschaft für Dokumentation im Deutschen Normenausschuß, Mitteilung Nr. 1, Januar 1948. a.a.O.
    12 Brief Johannes Jacobi (Deutsche Bücherei, AL 1) an H. Samulowitz vom 16.2.1998.
    13 Brief Pflücke an Schürmeyer vom 4.8.1947. – Archiv BBAW NL M.  Pflücke, Ordner 47.
    14 Brief Schürmeyer an Pflücke vom 30.8.1947. – Archiv BBAW NL M.  Pflücke, Ordner 47.
    15 Brief Pflücke an Schürmeyer vom 24.9.1947. – Archiv BBAW NL M.  Pflücke, Ordner 47.
    16 Brief Pflücke an Schürmeyer vom 12.11.1948. – Archiv BBAW NL M.  Pflücke, Ordner 47.
    17 Sitzungsbericht Fachnormenausschuß für Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen: Sitzung am 28. Mai 1941, Tagesordnung: Gründung einer "Deutschen Gesellschaft für Dokumentation"
    18 Brief Pflücke an Nischk  vom 23.4.1948. – Archiv BBAW NL M.  Pflücke, Ordner 47.
    19 Brief Pflücke an Nischk  vom 2.6. 1948. – BBAW Archiv, Nachlaß Pflücke, Ordner 47
    20 Friedhilde Krause: "Auch Hoecker geht spazieren!". – Laurentius Verlag Hannover, 1997, S.41
    21 Friedhilde Krause ... a.a.O., S.117
    22 Friedhilde Krause ... a.a.O., S.34
    23 Brief Pflücke an Hoecker vom 4.10.1946. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 27 
    24 Brief Hoecker an Pflücke vom 23.10.1946. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 27.
    25 Zur politischen Situation in Danzig in den Jahren unmittelbar vor dem deutschen Überfall auf Polen siehe das Buch 
    von Dieter Schenk: "Hitlers Mann in Danzig", erschienen 2000 im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH in Bonn.
    26 Mit "Gesellschaft" meint Prinzhorn die "Deutsche Gesellschaft für Dokumentation".
    27 Brief Prinzhorn an Pflücke vom 22.9.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 52.
    28 Pflücke meint mit "Organ" die "Deutsche Gesellschaft für Dokumentation".
    29 Brief Pflücke an Prinzhorn  vom 30.10.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 47
    30 Brief Pflücke an Prinzhorn  vom 5.11.1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 47.
    31 Brief Pflücke an Stratmann  vom 17. 11. 1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 47.
    32 Brief Pflücke an Stratmann  vom 24. 4. 1948. – Archiv BBAW NL M. Pflücke,, Ordner 47.
    33 Brief Stratmann an Pflücke  vom 11. 5. 1948. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 47.
    34 Brief Pflücke an Stratmann  vom 27. 5. 1948. – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 47.
    35 Antrag auf Interzonenpaß vom 4.12.1948. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32.
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