Dr. phil. Maximilian Pflücke  (1889 –1965)

Mitbegründer und Stellvertretender Vorsitzender
der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation im NS-Deutschland
 
 

Biographische Skizzenblätter 5- 8
Autor: Dr. Eberhardt Gering, Berlin
Stand vom 16. Oktober 2007
____________________________________________
    
   
Verzeichnis der Skizzenblätter
    
Skizzenblatt 1
Übersicht der beruflichen und politischen Tätigkeiten
Skizzenblatt 2
Erste Jahre
Skizzenblatt 3
Politische Orientierungen
Skizzenblatt 4
Partei- und Organisationszugehörigkeiten bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 5
Leiter des Chemischen Zentralblatts bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 6
Beauftragter im Reichsforschungsrat unter Hermann Göring
Skizzenblatt 7
Leiter des Zentralnachweises für ausländische Literatur 
Skizzenblatt 8
Amtierender Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft
Skizzenblatt 9
Teilnahme an Internationalen Tagungen zur Dokumentation
Skizzenblatt 10
Mitarbeit im Fachnormenausschuß Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen
Skizzenblatt 11
Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 12
Rolle bei der Salzburger Tagung 1942
Skizzenblatt 13
Politische Entlastungen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 14
Auseinandersetzung mit politischen Vorwürfen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 15
Politische Orientierung nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 16
Weiterführung des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 17
Rolle in der Nachkriegsphase der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 18
Aktivitäten zur Schaffung eines Instituts für Dokumentation
Skizzenblatt 19
Ehrungen und Auszeichnungen
Skizzenblatt 20
Letzte Jahre 
Skizzenblatt 21
Publikationen von Maximilian Pflücke
________________________________________________________________________
Zum Verzeichnis 
der Biographischen Skizzen


 
    
Skizzenblatt 5
 
 Leiter des Chemischen Zentralblatts bis Kriegsende 1945

.

Zur Geschichte des Chemischen Zentralblatts
Das "Chemische Zentralblatt" (ChZbl) geht auf das „Pharmazeutische Zentralblatt“ zurück, das von dem Psycho- Physiker Gustav Theodor Fechner gegründet wurde und am 14. Januar 1830 erstmals erschien.  /1/  Ab 1850 wurde es als „Chemisch-pharmaceutisches Centralblatt“ weitergeführt und schließlich 1856 zum „Chemischen Zentralblatt“ ausgeweitet. Das ChZbl lieferte das Vorbild für die 1907 in den USA gegründeten  „Chemical Abstracts“. Um 1930, als sich weitere Kreise dem Dokumentationsgedanken zuwandten und die Dokumentationsbewegung im engeren Sinne entstand, wurde der mit dem CHZbl geleisteten praktischen Dokumentationsarbeit  ein beachtlicher Vorsprung zuerkannt.  /2/
 
Weitere Informationsmittel
 
Ergänzend zum Chemischen Zentralblatt gab die Deutsche Chemische Gesellschaft mit Pflücke als Bearbeiter die „Periodica Chimica“ heraus. Die Ausgabe von 1940 trägt den Untertitel:  „Verzeichnis der im Chemischen Zentralblatt referierten Zeitschriften mit den entsprechenden genormten Titelabkürzungen sowie Angaben über den Besitz in Bibliotheken Großdeutschlands“  /3/
Nach dem zweiten Weltkrieg gründete Pflücke in Ergänzung des Chemischen Zentralblatts im Jahre 1951 das „Technische Zentralblatt“, dem 1953 das „Landwirtschaftliche Zentralblatt“ folgte.  /4/
 
 
Tätigkeiten Pflückes im Rahmen des Chemischen Zentralblatts
 
Seine Tätigkeit als Redakteur des Chemischen Zentralblatts begann Pflücke Ende des Jahres 1913. Ab 1923 war Pflücke Chefredakteur und alleiniger Herausgeber des ChZbl.  /5/
Die Arbeit nach dem Ende des ersten Weltkrieges schätzte Pflücke wie folgt ein:
"Nach 1919 hatte ich auch schon die ehrenvolle Aufgabe, das Chemische Zentralblatt wieder aufzubauen und war bei dem Ausbau nach ganz neuen Gesichtspunkten verfahren (vgl. Arthur Rosenheim: Die Organisation der chemischen Sammelliteratur). Auch im Ausland wurde dieser Ausbau anerkennend gewürdigt. Ich hatte Gelegenheit, auf den internationalen Kongressen und Sitzungen als einer der ersten Chemiker wieder Fühlung mit den Siegermächten zu nehmen und die zerrissenen Bande neu zu knüpfen."/6/
 
Umfang des Chemischen Zentralblatts und Mitarbeiterzahl der Redaktion
 
Nach Angaben des DGD-Vorsitzenden Prinzhorn auf der Salzburger Tagung 1942 erschloß das ChZbl. jährlich 80- bis 90.000 Arbeiten.  /7/
Pflücke berichtete kurz nach dem Ende des II. Weltkrieges über das ChZbl, daß unter seiner Führung der Höchststand mit 16.000 Seiten pro Jahr erreicht wurde, an deren Fertigstellung 30 innerredaktionelle und 530 außenstehende Mitarbeiter beteiligt waren. Die auswärtigen Mitarbeiter wurden aus den Kreisen der Wissenschaft, Forschung und Technik gewonnen. Dafür standen fast alle Leiter der wissenschaftlichen Institute und die maßgebenden Personen der Abteilungen Chemie und angrenzende Gebiete im Reichspatentamt zur Verfügung. Dazu kamen diejenigen Beamten, die sich mit wissenschaftlichen Dingen in Deutschland zu beschäftigen hatten. Auch ausländische Fachkollegen haben am ChZbl mitgearbeitet.  /8/
 
 
Inhaltliche Struktur des Chemischen Zentralblatts
 
Der Untertitel des Chemischen Zentralblatts lautete: "Vollständiges Repertorium für alle Zweige der reinen und angewandten Chemie".  /9/
Der dem Autor dieser Skizze vorliegende Band aus dem Jahr 1955 umfaßt die Hefte 31-36, erschienen zwischen dem 3. August und dem 7. September 1955 mit den Seiten 7133 - 8536 (1404 Seiten). Zu einem Jahrgang gehören mehrere Bände. Die Anzahl der im betrachteten Band enthaltenen Dokumentenachweise (Referate) wurde vom Herausgeber nicht angegeben.
Über die Register des Chemischen Zentralblatts (Sachregister, Formelregister) wird noch berichtet. 
Der vorliegende Band enthält kein Inhaltsverzeichnis und keine Register. Sachregister erschienen jeweils im letzten Band eines Jahres. Bei den Bänden ohne Register kann für die Suche nach Sachgebieten die nach einer Systematik erfolgte Anordnung der Referate dienen. Die jeweilige Systematikstelle und die vorangestellte Notation dieser Stelle stehen für die ganze Seite in der Kopfzeile. Nachteilig ist hieran, daß der ein Wechsel der Systematikstelle innerhalb einer Seite in der Kopfzeile unberücksichtigt bleibt.
 
Auffällig ist die in der zweiten Gliederungsebene auftretende Verschiedenheit der Notationssymbole (Aufzählungszeichen der Systematikstellen). Verwendet werden Großbuchstaben in Kombination mit arabischen Ziffern (Gruppen A bis E der Ebene 1), Kleinbuchstaben (Gruppe G der Ebene 1) und römische Ziffern bzw. Zahlen (Gruppe H der Ebene 1). Diese Uneinheitlichkeit könnte auf die Doppelführung des Zentralblatts durch eine Ost- und eine Westredaktion zurückzuführen sein.
 
 
Nachträgliche Zusammenstellung einer Systematik für das Chemische Zentralblatt 
 
Da keine authentische Systematik oder Klassifikation des Gesamtinhalts des ChZbl vorlag, wurde vom Autor der vorliegenden Skizze anhand der Gliederungsmertkmale der Hefte 31-36 des Jahrgangs 1955 eine Systematik des Chemischen Zentralblatts zusammengestellt. Die Bezeichnungen und Notationen der Systematikstellen wurden hauptsächlich den Seiten-Kopfzeilen des Heftes 31 entnommen. Fünf ergänzende Systematikstellen stammen aus den Heften 32 und 33. Die so zusammengestellte Systematik erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 
 
Nichtauthentische Systematik des Chemischen Zentralblatts
    .
Systematikebene 1 Systematikebene 2 Systematikebene 3
Geschichte. Unterricht Keine Unterteilung
A. Allgemeine und physikalische Chemie A1. Kernphysik und Kernchemie
A2. Optisches Verhalten der Materie
A3. Elektrizität, Magnetismus, Elektrochemie
A4. Thermodynamik. Thermochemie. 
A5. Kolloidchemie.       Grenzschichtforschung.
A6. Strukturforschung 
A7. Gleichgewichte. Kinetik. 
B. Anorganische Chemie  Keine Unterteilung 
C. Mineralogische und    geologische Chemie. Keine Unterteilung 
D. Organische Chemie D1. Allgemeine und theoretische  organische Chemie
D2. Präparative organische Chemie. Naturstoffe.
D3. Makromolekulare Chemie. 
E. Biologische Chemie.  Physiologie. Medizin. E1. Allgemeine Biologie und       Biochemie. 
E2. Enzymologie. Gärung. 
E3. Mikrobiologie. Bakteriologie. Immunologie.
E4. Pflanzenchemie. Pflanzenphysiologie.       Pflanzenpathologie. 
E5. Tierchemie. Tierphysiologie. Tierpathologie. 
E6. Pharmakologie. Therapie. Toxikologie.  Hygiene. 
F. Pharmazie. Desinfektion. Keine Unterteilung 
G. Analyse. Laboratorium.  a) Elemente und anorganische     Verbindungen. 
b) Organische Verbindungen. 
c) Bestandteile von Pflanzen und Tieren.
d) Medizinische und toxikologische Analyse. 
H. Angewandte Chemie. I. Allgemeine chemische Technologie. 
II. Betriebsschutz. Feuerschutz. 
III. Elektrotechnik. 
IV. Wasser. Abwasser. 
V. Anorganische Industrie. 
VI. Silikatchemie. Baustoffe. 
VII.  Agrikulturchemie.        Schädlingsbekämpfung. 
VIII. Metallurgie. Metallographie.        Metallverarbeitung.
IX.  Organische Industrie. 
X. Färberei. Organische Farbstoffe.
XI.  Nicht angeführt. XIa. Farben. Anstriche. Lacke. Naturharze.
XIb. Plaste (Kunstharze.        Plastische Massen).
XII. Kautschuk. Guttapercha. Balata. 
XIII. Ätherische Öle. Parfümerie. Kosmetik. 
XIV. Zucker. Kohlenhydrate. Stärke
XV. Gärungsindustrie.
XVI. Nahrungs-, Genuß- und Futtermittel. 
XVII.  Fette. Seifen. Wasch- und           Reinigungsmittel. Wachse. Bohnermassen usw. 
XVIII. Nicht angeführt  XVIIIa. Holz. Cellulose. Zellstoff. Papier. Papierdruck. Celluloid. Linoleum.
XVIIIb. Textilfasern.
XIX. Brennstoffe. Erdöl. Mineralöle. 
XX. Schieß- und Sprengstoffe.          Zündmittel. 
XXI.   Leder. Gerbstoffe.
XXII.  Leim. Klebstoffe usw. 
XXIII. Tinte. Hektographenmassen und   andere Spezialpräparate. 
XXIV. Photographie. 

Erläuterung der Farben: Grün: Quelle Heft 32 ; Violett: Quelle Heft 33

Formale Struktur der Dokumentennachweise im Chemischen Zentralblatt.
 
Die Dokumentennachweise (Referate) im Chemischen Zentralblatt sind nach folgendem Schema aufgebaut (abgeleitet aus Referaten des Jahrgangs 1955):
 
Nachweiselement Schriftschnitt
Autor (Autoren) der Publikation fett
Titel der referierten Publikation kursiv
Referat normal
Quelle der referierten Publikation normal
Referent (Autor des Referats) Großbuchstaben

Hinter dem Namen des Referate-Autors  steht eine drei- oder vierstellige Zahl (bei dreistelliger Zahl oft mit vorangestelltem Großbuchstaben). Offfenbar handelt es sich hier um das Sigel der Besitzstelle, d.h. der Einrichtung, in deren Besitz sich die referierte Quelle befindet. 

 
 
Finanzierung des Chemischen Zentralblatts
 
Über die Finanzierung des Chemischen Zentralblatts machte Pflücke 1937 folgende Angaben:
"Das Chemische Zentralblatt ist für die Chemie auf dem dokumentarischen Gebiete wohl führend. Das hat nicht zum aller-wenigsten seinen Grund darin, daß die Chem. Großindustrie schon sehr früh den Wert der Dokumentationsarbeit erkannte und für diese Arbeit schon sehr frühzeitig erhebliche Geldmittel zur Verfügung stellte. Es ist bekannt, daß die Chem. Großindustrie in der von ihr gegründeten Bayer-Gesellschaft die literarischen Unternehmungen der Deutschen Chemischen Gesellschaft mit erheblichen Dotationen unterstützt, wofür ihr auch an dieser Stelle dankbarst gedacht werden soll."/10/
Zur Höhe der benötigten Geldmittel teilte Pflücke nach Kriegsende 1945 mit:
"Das Chemische Zentralblatt erfordert bei vollem Lauf an monatlichem Aufwand etwa RM 50 000.--.  Die Werke der Deutschen Chemischen Gesellschaft sind immer Zuschuß-Unternehmungen gewesen und haben einen Ausgaben-Etat von 1 ½ Millionen Mark im Jahre gehabt."/11/
______________________________________
Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 5
    
1
Maximilian Pflücke: Die Dokumentation in der Chemie und chemischen Technik. – In: Die Dokumentation und ihre Probleme. – Harrassowitz, Leipzig 1943, S. 56.
2
Günther Stein: Maximilian Pflücke 65 Jahre alt – In: Nachrichten für Dokumentation 5 (1954) 3, S. 165-166.
3
Periodica Chimica . – Verlag Chemie GmbH 1940. Titelblattabdruck in: Die Dokumentation und ihre Probleme. - Leipzig1943,  S. 65.
4
Pflücke, Clemens Maximilian; 26.7.1889 – 19.11.1965. – Kurzmitteilung ohne Datum, Autor R.H.. – Hausarchiv Deutsche Bücherei Leipzig (erhalten von H- J.Samulowitz, Dez. 2006).
5
Curriculum Vitae des Clemens Maximilian Pflücke, S.2. -  ohne Datum, verfaßt nach Kriegsende 1945. – Archiv BBAWNL  M. Pflücke Ordner 32.
6
Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. – o.D., nach Kriegsende 1945 und vor 1947. -   Archiv BBAW NL M. Pflücke Ordner 32, im angegebenen Dokument auf Seite 6.
7
Fritz Prinzhorn: Die Dokumentation und ihre Probleme. – In: Die Dokumentation und ihre Probleme. – Leipzig 1943, S. 13.
8
Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. ... a.a.O., S.1-2.
9
Repertorium – wissenschaftliches Nachschlagewerk, oft als Bibliographie von Zeitschriftenaufsätzen und anderen Erscheinungen eines bestimmten Fachgebietes. – Duden Fremdwörterbuch 1990, S.676. Der im Haupttext zitierte Untertitel wurde dem Band 1955 (126. Jahrgang) des ChZbl entnommen.
10
Maximilian Pflücke: Bericht über die Organisation des Chemischen Zentralblatts. – In: Sitzungsbericht Fachnormen-ausschuß. für Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen, Sitzung vom 14.4.1937, Ausschuß für Bibliographie und Referateblätter,  S. 11-12.
11
Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. ... a.a.O., S.5.
    _________________________________________ 
 
Zum Verzeichnis der Skizzenblätter
 
 
 
 
 

    
Skizzenblatt 6

Beauftragter im Reichsforschungsrat unter Göring

    
Im Juni 1942, fast drei Jahre nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges, wurde von Hitler per "Führer-Erlaß" die Neubildung  des  Reichsforschungsrates angeordnet. Der entsprechende Text lautete:  /1/
"Erlaß des Führers über den Reichsforschungsrat. Vom 9. Juni 1942.
Die Notwendigkeit, alle vorhandenen Kräfte im Staatsinteresse zu höchster Leistung zu entfalten, erfordert nicht nur im Frieden, sondern vor allem auch im Kriege den zusammengefaßten Einsatz der wissenschaftlichen Forschung und ihre Ausrichtung auf die zu erstrebenden Ziele.
Ich beauftrage daher den Reichsmarschall Hermann Göring, zu diesem Zwecke einen Reichsforschungsrat mit selbständiger Rechtspersönlichkeit zu bilden, in ihm selbst den Vorsitz zu übernehmen und ihm eine Satzung zu geben.
Führende Männer der Wissenschaft sollen auf ihren Sondergebieten in Gemeinschaftsarbeit in erster Reihe die Forschung für die Kriegführung fruchtbar gestalten.
Der bisherige dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unterstehende Reichsforschungsrat geht in der neuen Einrichtung auf.
Die für Forschungszwecke benötigten Mittel sind im Reichshaushalt sicherzustellen, soweit sie nicht aus Förderungs-beiträgen der an der Forschung interessierten Kreise aufgebracht werden.
Führer-Hauptquartier, den 9. Juni 1942. [... ] "
Damit wurde der bereits 1937 gebildete Reichsforschungsrat (RFR)  /2/  durch eine neu organisierte Instanz gleichen Namens (in der Literatur auch als 2. Reichsforschungsrat bezeichnet)  ersetzt. Dem neuen RFR standen erhebliche Sondermittel für kriegswichtige Entwicklungen auf  technischem und naturwissenschaftlichem Gebiet zur Verfügung. In seinem Verhör während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses bestätigte Göring, daß er den Auftrag hatte, die gesamte deutsche Forschung, soweit sie für die Kriegsführung dringend notwendig war, zusammenzufassen. Leider sei dies viel zu spät geschehen. Laut Göring wurden im RFR nach den verschiedenen Gebieten der Forschung (Göring nennt Physik, Chemie, Technik, Medizin, Geisteswissenschaften und, als Beispiel, nochmals die Chemie) Kommissionen gebildet, an deren Spitze jeweils ein Beauftragter stand. Unter dem RFR wurden Tausende von Forschungsaufträgen vergeben. Solche Aufträge liefen unter dem Titel "Der Reichsmarschall des Deutschen Reiches, der Präsident des Reichsforschungsrates"/3/

Der Präsidialrat des RFR hatte 1942 22 Mitglieder, die sich jeweils von hochrangigen Mitarbeitern vertreten ließen. Zu den Mitgliedern gehörten u.a. Bormann, Himmler (in zwei Funktionen), Keitel, Milch, Rosenberg, Rust, Speer und Vögler. Die Liste der Fachspartenleiter (von Göring vor dem Nürnberger Tribunal als Beauftragte der Kommissionen bezeichnet) umfaßte 11 
Namen, darunter die Professoren Esau (Physik), Kuhn (organische Chemie), Sauerbruch (allgemeine Medizin) und Thiessen (allgemeine und anorganische Chemie). /4/
Pflücke gab nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches an, 

im Jahre 1944 in der höchsten Notzeit der deutschen Forschung auf Veranlassung und durch Vermittlung des bereits im Reichsforschungsrat arbeitenden Kollegen und Herausgebers des Gmelin-Handbuchs, Herrn Dr. Erich Pietsch", als "Der Beauftragte für die Organisation der wissenschaftlichen Berichterstattung im Reichsforschungsrat" Arbeiten für den Reichsforschungsrat  ausgeführt zu haben. 
Er erklärt, seine Stellung und seine Arbeiten hätten  nie einen politischen Charakter gehabt, sondern seien  vorzugsweise rein wissenschaftliche Arbeiten und Reden gewesen. 
/5/
Unter "Bericht" wird im allgemeinen eine möglichst wertfreie Beschreibung eines Sachverhalts nach vorgegebenen oder in der Sache liegenden Kriterien für einen Auftraggeber oder Interessentenkreis verstanden.  /6/  Im Dokumentationswesen entsprach die wissenschaftliche Berichterstattung dem Referieren von fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und dem Anfertigen von Referaten, die zusammengefaßt in den Referateblättern erschienen. Gegenstand wissenschaftlicher Berichterstattung im Rahmen des RFR  dürften analog die Berichte über Forschungsergebnisse der gesamten deutschen Forschung, soweit sie für die Kriegsführung dringend notwendig war (Göring), aber auch Berichte über die Forschungsarbeiten in den Feindländern gewesen sein. Soweit es die deutsche Forschung angeht, könnte die "wissenschaftliche Berichterstattung" neben der Informationsfunktion auch eine Kontrollfunktion besessen haben. 
Bei der Fülle der vom RFR vergebenen Forschungsaufträge (s.o.) muß die von Pflücke wahrzunehmende "Organisation der wissenschaftlichen Berichterstattung" von beträchtlicher Dimension gewesen sein. Der entsprechende Arbeitsaufwand konnte von ihm nicht allein bewältigt werden. Hierzu schrieb Pflücke nach Kriegsende:
„Ich hatte meine Tätigkeit in Abstimmung mit Herrn Direktor Dr. Predeek, dem Leiter der Technischen Hochschulbibliothek, auszuüben und mir vorgenommen, diese Arbeiten gemeinsam mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Herrn Prof. Dede, und dem Springer-Verlag zentral zu organisieren.“/7/
Dem Autor dieser Skizze liegen keine Dokumente vor, die genaueres über die Aufgaben erkennen lassen, welche Pflücke auf dem Gebiet der "wissenschaftlichen Berichterstattung" übertragen wurden. Einen Hinweis liefert lediglich ein an Pflücke gerichtetes Schreiben Mentzels, Geschäftsführer im RFR, vom 20.12.1944.  Darin wird mitgeteilt, daß einem Antrag Pflückes auf eine Sachbeihilfe von 20.000 Reichsmark für "Arbeiten zur Organisation der wissenschaftlichen Berichterstattung" stattgegeben wurde. /8/

Der oben zitierte Hitler-Erlaß war die Basis für das eindeutige Ausrichten der zu organisierenden wissenschaftlichen Berichterstattung auf die Unterstützung der Kriegführung des NS-Regimes. Damit werden die von Pflücke nach Kriegsende abgegebenen Erklärungen, seine Arbeiten im RFR hätten  nie einen politischen Charakter gehabt, sondern seien  vorzugsweise rein wissenschaftliche Arbeiten und Reden gewesen, ad absurdum geführt. . Sowohl der Erlaß Hitlers als auch die Nürnberger Aussagen von Göring zum Reichsforschungsrat lassen keinen Zweifel daran, daß es sich bei dem RFR um ein wissenschaftspolitisches Führungsinstrument höchsten Ranges gehandelt hat, von dem erwartet wurde, daß es "die Forschung für die Kriegführung fruchtbar gestaltet" (Hitler). Dieser Zielsetzung konnte sich Pflücke, nachdem er Beauftragter des RFR geworden war, nicht entziehen.

Es bleibt zu klären, warum Pflücke zusätzlich zur Fülle seiner anderen Aufgaben auch noch den Posten im RFR übernahm. Pflücke selbst verweist darauf, daß ihm diese Funktion "auf Veranlassung und durch Vermittlung des bereits im Reichsforschungsrat arbeitenden Kollegen und Herausgebers des Gmelin-Handbuchs, Herrn Dr. Erich Pietsch" übertragen wurde. Damit benutzt Pflücke nach dem Zusammenbruch des Nazireiches die Person Pietsch quasi als Deckung vor unliebsamen Nachfragen. Der Vermittlungsweg von Pietsch zu Pflücke dürfte über Thiessen gelaufen sein.(s.o.). Die Rolle, welche Erich Pietsch im RFR spielte, bedarf einer gesonderten Untersuchung (siehe auch Skizzenblatt 13) . /9/

Prof. Dr. Peter Adolf Thiessen, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie, war im Reichsforschungsrat unter Göring der Fachspartenleiter für allgemeine und anorganische Chemie. Die Stellung von Thiessen war innerhalb der deutschen Forschung außergewöhnlich. Das von ihm geleitete KW-Institut hatte über  100 Mitarbeiter und war damit die größte und auch am besten ausgestattete Forschungseinrichtung unter den rund dreißig Kaiser-Wilhelm-Instituten. Als "Fachspartenleiter Chemie" im Reichsforschungsrat waren Thiessen auf dem Gebiet der Chemie alle wesentlichen Forschungsvorhaben in Deutschland, ihre Entwicklung und ihre Ergebnisse bekannt. Er verarbeitete diese Ergebnisse nicht nur verwaltungsmäßig, sondern er durchschaute sie auch und war in der Lage, sie in ihrer Bedeutung für künftige Entwicklungen kritisch zu würdigen. Weil er die verschiedenen Forschungsergebnisse im Gedächtnis behielt, bezeichneten enge damalige Mitarbeiter Thiessen als ein Phänomen des Gedächtnisses.
Im sogenannten "Chemiestab" repräsentierte Thiessen eine der Säulen. Diesem Stab gehörten drei Personen an: der Vorsitzende des Aufsichtsrates der IG-Farben, Prof. Krauch, der Leiter der Reichsgruppe Chemie, Staatsrat Schieber, sowie Thiessen selbst. Damit hatte Thiessen auch Kenntnis von den Entwicklungen, die bei der Reichsgruppe Chemie liefen. Aufgabe des Chemiestabes war es, die zunächst laboratoriumsmäßig erarbeiteten Erkenntnisse in die "Entwicklung" zu überführen und dafür zu sorgen, daß die in der Entwicklung angewandten Methoden und gewonnenen Erfahrungen in der technischen Großproduktion berücksichtigt wurden. Daraus ergab sich, daß Thiessen über den Bereich der chemischen Forschung hinaus auch die chemische Industrie Deutschlands in ihren Methoden, Fertigungsstätten, Planungen und tragenden Personen überblickte. Thiessen war damit für den NS-Staat ein Geheimnisträger erster Ordnung./10/
Es ist nicht bekannt, ob es wähend der NS-Zeit auf dem Gebiet der Chemie-Dokumentation (Chemisches Zentralblatt) direkte Kontakte zwischen Pflücke und Thiessen gab oder ob solche Kontakte während der Amtszeit Pflückes als Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft existierten. Mit Sicherheit kam es zu solchen Verbindungen, als unmittelbar nach Kriegsende unter der Regie sowjetischer Besatzungsbehörden über die Weiterführung des Chemischen Zentralblatts beraten wurde (siehe Skizzenblatt 16). Wie der Autor Walter Ruske im Zusammenhang mit einem an den Präsidenten der DChG, Richard Kuhn gerichteten Brief der Redakteure Klever und Pangritz vom Januar 1946 berichtet, setzten sich in den Verhandlungen mit einer wissenschaftlichen sowjetischen Sonderkommission Thiessen und Pflücke  im Juni 1945 dafür ein, die Arbeit am Chemischen Zentralblatt in der Sowjetunion fortzusetzen, während sich Pietsch "für ein Verbleiben der literarischen Arbeitsgruppen in Deutschlands" aussprach.  /11/
_________________________________
.
Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 6
    
1 Erlaß des Führers über den Reichsforschungsrat. Vom 9. Juni 1942. – In: Reichsgesetzblatt Teil I Nr. 64 S. 389. Ausgegeben zu Berlin, den 15. Juni 1942.
2 Der ursprünglich von General Karl Becker als Präsident geleitete Reichsforschungsrat wurde am 25.Mai 1937 vom 
Reichsminister Bernhard Rust in Anwesenheit Hitlers und Görings eröffnet.
3 Der Nürnberger Prozeß: 81.Tag,.14. März 1946 und 207.Tag,. 20. August 1946. – In: Nürnberger Prozeß Bd. 9, S.325 und Bd. 21, S. 335-336.
4 Notker Hammerstein: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. – Verlag Beck, München 1999, S. 552-553.
5 Schreiben Pflücke an den Magistrat von Berlin, Abt. Volksbildung vom 6.3.1946, S.3-4. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32.
6 Terminologie der Information und Dokumentation / Komitee Terminologie und Sprachfragen der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis. 2., neu bearbeitete Ausgabe. – Frankfurt/Main, 2006, S.94.
7 Schreiben Pflücke an den Magistrat von Berlin, Abt. Volksbildung vom 6.3.1946, S.3-4. – Archiv BBAW NL M. Pflücke 1, Ordner 32.
8 Mentzel an Pflücke, Schreiben vom 20.12.1944. – BA WI (ehem. BDC) RFR. Siehe auch RFR-Karteikarte Pflücke
(gleiche Quelle).
9 Erich Pietsch nahm nach Kriegsende eine führende Rolle in der DGD ein und war von 1956 bis 1961 deren Vorsitzender.
10 Größe und Verfall der deutschen Wissenschaft im Zweiten Weltkrieg / o.Autor. – In: Bilanz des zweiten Weltkrieges: 
 Erkenntnisse und Verpflichtungen für die Zukunft. – Stalling-Verlag Oldenburg, Hamburg, 1953, S. 261-262.
11 Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1967,S. 189.
___________________________________________
 
Zum Verzeichnis der Skizzenblätter
 
 



   
Skizzenblatt 7

Leiter des Zentralnachweises für ausländische Literatur

    
Auf der ersten Sitzung des Beirats der DGD am 19. Januar 1942 berichtete Pflücke über die Aufgaben des Arbeitsausschusses für die Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur. Er ging davon aus, daß die wichtigste Grundlage der Auskunfts-stellen, Fachbibliotheken, Bibliographien und Referateblätter die im Inland und Ausland erschienene Zeitschriftenliteratur ist. Es sei dafür Sorge zu tragen, daß alle für die Wissenschaft und Technik wichtigen Organe und Literaturstellen die für sie notwendige Literatur erhalten. Erfahrungsgemäß wirke sich eine Zentralisierung der Beschaffung der ausländischen Literatur ungünstig und unzulänglich aus. Man werde also künftig die Beschaffung der ausländischen Literatur auf verschiedenen Wegen versuchen und planen müssen. Zu diesem Zweck werde ein entsprechender Ausschuß der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation ins Leben gerufen, der folgendes Arbeitsprogramm hat:
· Laufende Bearbeitung von Fragen der Beschaffung der ausländischen Fachliteratur. Es sei unbedingt zu vermeiden, daß
  lebenswichtige Literaturbetriebe durch Fehlorganisationen lahmgelegt werden.
· Schaffung einer Organisation, die an einer Stelle den Nachweis erbringt, an welcher Einrichtung der Literaturauswertung sich die 
  nach Deutschland eingeführten Zeitschriften befinden.
· Behandeln des Angleichens der Preise für Fotokopien, die zur Zeit bei den einzelnen Bestellerfirmen und Fachstellen sehr 
  divergieren. /1/
Der Arbeitsauschuß für die Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur war Teil eines Komplexes von Arbeitsauschüssen der DGD. Eine Reihe von ihnen wurde aus dem Fachnormenauschuß für Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen des Deutschen Normenaussschusses in die DGD übernommen. Das betraf: 
den Arbeitsausschuß für Klassifikation,
den Arbeitsausschuß für Bibliographien und Referatblätter,
den Arbeitsausschuß für Fachzeitschriftenverzeichnisse,
den Arbeitsausschuß für photographische Vervielfältigungsverfahren,
den Arbeitsausschuß für Schrifttums-Auskunftstellen.
Mit Gründung der DGD neu geschaffen wurden:
der Arbeitsauschuß für die Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur,
der Arbeitsausschuß für Terminologie in der Dokumentation,
der Arbeitsausschuß für Zeitungsausschnittsammlungen. /2/
Dem von Pflücke geleiteten Arbeitsauschuß für die Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur oblag es faktisch, 
für die meisten der o.g. anderen Arbeitsausschüsse die Voraussetzungen zweckdienlichen Arbeitens zu schaffen. Dieser Zweck bestand 1942, dem Jahr der Gründung des Pflückeschen Ausschusses, so wie auch in den davor liegenden und den nachfolgenden Kriegsjahren, ausschließlich in der gezielten Unterstützung kriegswichtiger Forschungen und kriegswichtiger Produktionen. 
Diese Zweck- und Zielstellung erklärt auch, warum der Arbeitsauschuß für die Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur sehr schnell zu dem nachfolgend beschriebenen "Zentralnachweis für ausländische Literatur" mutierte. 
  • Der"Zentralnachweis für ausländische Literatur" wurde im Auftrag des Vorsitzenden der DGD, Fritz Prinzhorn, durch den Obmann des "Ausschusses für Beschaffung ausländischer Literatur" (und Stellvertreter des DGD-Vorsitzenden), Maximilian Pflücke, /3/  seit dem 1.12.1943 herausgegeben. Die Herausgabe erfolgte in Zusammenarbeit mit Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes der SS (RSHA), welches die diesbezüglichen Einzelheiten regelte. /4/  Das erste Heft  des Zentralnachweises erschien im Dezember 1943, das siebente und vermutlich letzte Heft im Dezember 1944. Die Exemplare jeder Ausgabe wurden in numerierter Form an einen begrenzten Kreis von Personen sowie von Dienststellen, die sich dem Zentralnachweis angeschlossen hatten, verteilt. 
    • Deutsche Beschaffungssysteme für wissenschaftlich-technische Literatur in Kriegs- und Krisenzeiten
      • In Kriegs- und Krisenzeiten wurden in Deutschland schon zuvor staatlich gestützte Notimportsysteme für technisch- wissenschaftliche Literatur organisiert. Ein frühes Beispiel ist die im Jahr 1916 beim Verein Deutscher Ingenieure geschaffene "Technische Zeitschriftenschau", für die neben deutschen auch 58 amerikanische, 47 englische und 39 französische kriegstechnische Zeitschriften ausgewertet wurden. 
      • Im Jahr 1920 wurde in der Preußischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Karl Kerkhof die "Reichszentrale für naturwissenschaftliche Berichterstattung" gegründet (nicht zu verwechseln mit der "Wissenschaftlichen Berichterstattung im Reichsforschungsrat", mit deren Organisation 1944 Pflücke beauftragt wurde). Seit 1925 gab die Reichszentrale die Monatszeitschrift "Forschungen und Fortschritte" heraus, an der Wissenschaftler wie Heisenberg und Planck als Autoren mitwirkten. 
      • Im zweiten Weltkrieg wurde unter Mitwirkung der "Informationsstelle für technisch-wissenschaftliches Schrifttum" an der Technischen Hochschule Berlin und des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) das "Referateblatt der Auswertung der technischen und wirtschaftlichen Weltfachpresse" herausgegeben. Von März 1942 bis November 1944 erschienen insgesamt 22 Hefte mit fast 53.000 Referaten (im Durchschnitt 2400 Referate pro Heft). Zu den ungefähr eintausend Beziehern gehörten in erster Linie Rüstungsbetriebe, Wehrmachtsstellen und wissenschaftliche Institute.
      • Im Sommer 1941 organisierte das HWWI über die neutralen Länder Portugal, Schweden, Schweiz und Türkei ein System der Zeitschriftenbeschaffung (auf den gleichen Pfaden, die Schweiz ausgenommen, beschafften sich die USA deutsche Fachzeitschriften). Die Zusammenarbeit zwischen dem HWWI und der TH Berlin wurde im Mai 1943 offiziell eingestellt. /5/ 
      • Kurz zuvor, im Januar 1943, war unter Federführung der DGD die Schaffung des "Zentralnachweises für ausländische Literatur" beschlossen worden (siehe oben). Die erforderlichen Gelder wurden von der Forschungsnothilfe beim Reichsforschungsrat bereitgestellt (siehe die unten als Beispiel aufgeführten Schreiben von Mentzel an Prinzhorn).
    Nach Kriegsende 1945 erklärte Pflücke:
    "Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation hat im Laufe der Kriegszeit sich notgedrungen auch mit dem Import ausländischer Zeitschriften und Bücher beschäftigen müssen. Sie erhielt die Gelder von der Forschungsnothilfe beim Reichsforschungsrat und hat mit diesen Mitteln einen Zentralnachweis über die in Deutschland importierten wissenschaftlichen Zeitschriften eingerichtet, der den deutschen Forscher und Wissenschaftler schnell darüber orientierte, ob und wo eine ausländische Zeitschrift in Deutschland sich befand. Eine Stelle dieses Zentralnachweises lag in Berlin, eine zweite wurde später in Potsdam eingerichtet. 
    Anfangs wurde der Import der ausländischen Zeitschriften lediglich durch die Wehrmachtsstellen zensiert und kontrolliert, jedoch bemächtigten sich mit dem Fortschreiten des Krieges die SS und vornehmlich der SD (Sicherheitsdienst) dieser politischen Kontrolle, besonders in der Berliner Stelle des Zentralnachweises.
    Die Arbeiten wurden unter meiner Führung im Einverständnis mit dem Vorstand und mit Genehmigung der zuständigen wissenschaftlichen Stellen durchgeführt, da die Beschaffung ausländischer Literatur eine Existenzbedingung war."  /6/
    Titelblatt-Informationen der Ausgaben des Zentralnachweises
    Heft-Nr. / Datum Quellenart Herkunftsländer Meldezeitraum
    Heft 1 / 1.12.1943 Zeitschriften USA, England, Irland einschließlich Canada und Indien 1.5. bis 1.10.1943
    Heft 2 / 1.2.1944 Zeitschriften USA, England, Irland einschließlich Canada und Indien  1.10. bis 1.2.1943
    Heft 3 / 1.5.1944 Zeitschriften USA, Süd-Amerika, Mexiko, England einschl. Irland, Afrika, Canada, Indien 1.12.1943 bis 1.3.1944
    Heft 4 / 1.9.1944 Zeitschriften USA, England (einschl. Irland), Canada, Indien, Süd-Afrika  1.3. bis 1.5.1944
    Heft 5 / 1. 11.1944 Zeitschriften u. Periodica USA, England (einschl. Irland), Canada, Indien, Süd-Afrika  1.5. bis 1.0.1944
    Heft 6 / 1.12.1944 Französische Zeitschriften 1.5.1943 bis 31.7.1944
    Heft 7 / 1.12.1944 Holländische Zeitschriften 1.5.1943 bis 1.10.1944
     
    Die Aufgaben des Zentralnachweises für ausländische Literatur und ihre Realisierung

    Im Vorwort zu Heft 1 werden Notwendigkeit, Aufgaben und Organisation des Zentralnachweises vom Auftraggeber (Prinzhorn) und Herausgeber (Pflücke) wie folgt erläutert:

    "Am 22.1.1943 fand unter dem Vorsitz des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau auf Anregung des Obmannes unseres Ausschusses für Beschaffung ausländischer Literatur eine Sitzung statt, zu der Vertreter der Wehrmachtsteile, der Ministerien und der kriegswichtigen Industrie eingeladen wurden und auch zugegen waren.
    In dieser Sitzung wurde einstimmig der Wunsch nach einem laufenden Zentralnachweis ausländischer Literatur in Deutschland zum Ausdruck gebracht. Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation, die bereits einen Ausschuß für diese Fragen eingesetzt hatte, erklärte sich bereit, diesen Nachweis zu schaffen. Die Gesellschaft ist nunmehr in der Lage, in der vorliegenden Publikation die bisherigen Meldungen dieses Zentralnachweises an kriegswichtige Bedarfsträger abzugeben.
    Die Meldungen, aus denen der Zentralnachweis seine Unterlagen bezieht, stammen in erster Linie von den eingesetzten fünf Beschaffungsstellen bzw. Auswertungsstellen:
    Deutsche Chemische Gesellschaft (Dr. Pflücke).
    Beschaffungsamt der Deutschen Bibliotheken,
    Lange & Springer, Berlin W 9,
    Hamburgisches Welt-Wirtschaftsarchiv,
    Koehler & Volckmar, Abteilung Ausland, Leipzig C 1, Postfach 173.
    Inzwischen haben sich sowohl die Wehrmacht als auch andere wichtige Institutionen, die ausländische Literatur beziehen, bereit erklärt, sich diesem Meldedienst anzuschließen und haben auch bereits Meldungen in dieser Hinsicht abgegeben.
    Es ist nunmehr beabsichtigt, auf Grund der sich aus diesen Meldungen bei der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation ergebenden Kartei einerseits Meldungen an die kriegswichtigen Stellen auf besonderen Wunsch unmittelbar zu geben und andererseits allen kriegswichtigen Bedarfsträgern vertraulich, nur zum Dienstgebrauch, durch laufende Veröffentlichung von dem Vorhandensein der ausländischen Publikationen (Zeitschriften, Periodica, Bücher) Kenntnis zu geben.
    Der Zentralnachweis ist darüberhinaus bereit, schriftliche Anfragen zu beantworten. Es wird erwartet, daß die Empfänger der vertraulichen Mitteilungen sich ebenfalls dieser Meldeverpflichtung anschließen [...]
    Die Entschlüsselung der Sigelangaben des Besitzes der betreffenden Zeitschriften-Hefte, wird in numerierten Exemplaren der ersten Übersendung der Mitteilungen des Zentralnachweises beigelegt. Diese Bedarfsträger erhalten in Zukunft auch die entsprechenden Ergänzungen zugesandt.
    Es versteht sich von selbst, daß die von der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation durch ihren Zentralnachweis gemachten Angaben streng vertraulich behandelt werden. da sich in diesen Aufstellungen Hefte befinden können, die unter besonderen Kautelen /7/ und Schwierigkeiten über die Grenze nach Großdeutschland eingeführt wurden.
    Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation hofft, mit dieser Veröffentlichung nach vierjähriger Kriegszeit endlich allen Wünschen kriegswichtiger Bedarfsträger auf dem Gebiet vorerst feindlich ausländischer Literatur entsprechen zu können und bittet, dem Zentralnachweis alle einschlägigen, dieses Ziel betreffenden Anregungen und Verbesse-rungsvorschläge zukommen zu lassen.
    Berlin, den 15. November 1943.
    Prof. Dr. Fritz Prinzhorn, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation    Dr. Maximilian Pflücke, Stellvertretender Vorsitzender und Obmann des Ausschusses für Beschaffung ausländischer Literatur"
    Dieses Vorwort unterstreicht Pflückes führende Rolle als Organisator des als "kriegswichtig" eingestuften Zentralnachweises. 
    Die "kriegswichtige Bedeutung" des Zentralnachweises kommt in den Folgeausgaben noch mehrmals zum Ausdruck. Im Vorwort zum Heft 2 schreibt Pflücke diesbezüglich:
    "Ich möchte nochmals darauf hinweisen, daß die Mitteilungen streng vertraulich behandelt werden müssen, da es nicht in unserem Interesse liegt, den Feind über den Bestand an ausländischer Literatur in Deutschland zu unterrichten."
    Auf die Vielfalt der im Zentralnachweis zu erfassenden ausländischen Quellenarten weist Pflücke im Heft 5 hin:
    "Die Meldestellen werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie neben den Büchern, Zeitschriften und Zeitungen des neutralen und feindlichen Auslands auch Kartenwerke und Atlanten aus Feindstaaten zu melden haben, einschließlich der Wirtschaftskarten, Verwaltungskarten und ähnlicher Kartenwerke." 
    Besitzstellen der nachgewiesenen Literatur

    Neben den Beschaffungs- bzw. Auswertungsstellen der aus dem feindlichen und besetzten Ausland besorgten Fachliteratur gehören die Besitzstellen zu den Hauptsäulen der Organisation des Zentralnachweises. Ihre Kenntnis ist insbesondere für die Nutzer des Zentralnachweises von größter Bedeutung. Eine Besitzstelle ist eine Einrichtung (häufig eine Bibliothek oder eine vergleichbare Institution), in deren Bereich im Zentralnachweis aufgeführte Quellen als Originale aufbewahrt sind. Die Besitzstellen sind verpflichtet, den dazu berechtigten Nutzern auf Anforderung die Originale oder Kopien daraus zur Verfügung zu stellen. Erhaltene Originale müssen vom Nutzer an die Besitzstelle zurückgegeben werden.
    Bei welcher Besitzstelle eine Quelle (oder Kopien daraus) angefordert werden kann, ist aus der Sigelangabe, die jedem Quellennachweis beigefügt ist, ersichtlich. 
    Entsprechende Besitzstellenverzeichnisse mit dazugehörenden Sigelangaben wurden im 
    Zentralnachweis im Zeitraum 1943-1944 mindestens dreimal veröffentlicht:
     

    Heft 3 Mai 1944
    18 Besitzstellen
    Heft 6 Dezember 1944
    29 Besitzstellen
    Heft 7 Dezember 1944
    149 Besitzstellen

    Die im Heft 3 veröffentlichte Besitzstellenliste hat folgende Einträge:

    Berlin, Preußische Staatsbibliothek,
    Kiel, Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft,
    Berlin, Deutsche Chemische Gesellschaft,
    Berlin, Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches und öffentliches Recht und Völkerrecht,
    Berlin, Presseabteilung der Reichsregierung im Propagandaministerium, Abt. Zeitschriften-Presse-Kulturpresse,
    Berlin, Reichssicherheitshauptmamt - III C 4
    Hamburg, Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv,
    Leverkusen, Kekulé-Bibliothek der I.G. Farbenindustrie,
    Ludwigshafen, I.G. Farbenindustrie, Druckschriftenzentrale
    Merseburg, Ammoniakwerk, Hauptbibliothek, Leuna-Werke,
    Berlin, Beschaffungsamt der Deutschen Bibliotheken, Schiffbauerdamm 26,
    Hamburg, Auswertungsstelle der Technischen und Wirtschaftlichen Weltfachpresse,
    Berlin, Siemens & Halske, Fachbücherei, Berlin-Siemensstadt,
    Frankfurt/Main-Höchst, I.G. Farbenindustrie, Patentabteilung,
    Berlin, Springer-Verlag
    Berlin, Fernseh G.m.b.H., Zehlendorf (Beilagezettel)
    Wien 12, Kapsch & Söhne  (Beilagezettel)
    Berlin, Bibliothek des Instituts für Zuckerindustrie (Beilagezettel)


    Empfänger der Literaturnachweise

    Die Empfänger der Hefte des Zentralnachweises wurden ebenfalls listenmäßig erfaßt. Eine Empfängerliste vom 23.12.1943 nennt 150 Namen von Personen, darunter die Professoren P.A. Thiessen (Chemie), A. Butenandt (Biochemie), Otto Hahn (Kernspaltung), Werner Heisenberg (Kernphysik). /8/
     

    Auflagenhöhe und Probleme der Herstellung des Zentralnachweises

    Zur Auflagenhöhe der Hefte des Zentralnachweises gibt es nur wenige Hinweise. Als Bestand vom 23.12.1943 wurden angegeben: 500 Rotaprintexemplare und 100 einseitig bedruckte Rotaprintexemplare. Es handelt sich hierbei um Bestände vom Heft 1 des Zentralnachweises (siehe unten).

    Die Herstellung der Druckexemplare wurde zunehmend durch Luftangriffe der Alliierten gefährdet. Im Vorwort von Heft 2 (Erscheinungsdatum 1. Februar 1944) schreibt Pflücke hierzu:

    "Ich bin trotz der verschiedensten widrigen Umstände, die der Herstellung des vorliegenden Heftes entgegenstanden, in der Lage, das Heft Nr. 2 des "Zentralnachweises für ausländische Literatur" vorzulegen. Es hat sich gezeigt, daß diese Veröffentlichung bei den Bedarfsträgern eine außerordentlich interessierte Aufnahme gefunden hat [ ...] Der Satz des Heftes Nr. 1 wurde durch die Terrorangriffe auf Leipzig zweimal vollständig vernichtet. so daß die Nr. 1 nur als Rotaprintabzug von einem Korrekturabzug hergestellt werden konnte. Aus diesem Grund ist auch zu erklären, daß die Nr. 2 verspätet erscheint"
    Meldestellen für ausländische Literatur

    Aufgabe der Meldestellen war es, innerhalb ihres Zuständigkeitsbereich die Zugänge an ausländischer Literatur zu erfassen und an den Zentralnachweis weiter zu melden. Der Verfahrensweg wird nachstehend am Beispiel des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (Goebbels-Ministerium) beschrieben: 

    "Der Staatssekretär im Ministerium                  Berlin, den 6. November 1944
    für Volksaufklärung und Propaganda               Geheim!
    An die Herren Abteilungsleiter i. Hause

    Betr.  Erfassung der für die deutsche Kriegführung wichtigen ausländischen Druckschriften
    In Durchführung des Erlasses des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, s. Schreiben des Leiters R vom 23. 9. und 12. 10. 44 – 444/44 gRS (1) R 1400 – wird mitgeteilt, dass als Verbindungsmann unseres Hauses zur Deutschen Gesellschaft für Dokumentation der Leiter des Generalreferats Archive und Zeitdokumente, Dr. Mehne, bestellt ist, über den alle auf den Vorgang sich beziehenden Schreiben und Anforderungen zu richten sind. Herr Dr. Mehne ist von mir beauftragt, die Durchführung der Meldungen zu überwachen. Es ist ihm zu diesem Zweck die erforderliche Unterstützung zu gewähren.
    Die Neueingänge sind unverzüglich zu melden, die früheren, nach dem 1.1.39 erschienenen ausländischen Druckschriften mit möglichster Beschleunigung.
    Es ist dafür Sorge zu tragen, dass die gemeldeten Druckschriften für etwaige Anforderung interessierter Stellen zur Anfertigung von Kopien auch greifbar sind. [...]"
    [...]       gez. Dr. Naumann                     Beglaubigt:   (unleserlich)  Regierungsoberinspektor /9/

     
    Berliner Meldestellen der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation, Zentralnachweis /10/

    Auskunftsbüro der Deutschen Bibliotheken
    Beschaffungsamt der Deutschen Bibliotheken, Berlin NW 7, Schiffbauerdamm 26
    Chemisches Zentralblatt, Berlin W35, Sigismundstraße 4
    Geheimes Staatsarchiv, Berlin-Dahlem, Archivstraße 12-14
    Geodätisches Institut, Potsdam, Auf dem Telegrafenberge
    Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Berlin-Dahlem, Ihnestraße 22-24
    Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung, Berlin-Buch, Lindenberger Weg
    Physikalisch-Technische Reichsanstalt, Dienststelle Schrifttum, Berlin-Charlottenburg 2, Werner-Siemens-Straße 8-12
    Preussische Staatsbibliothek, Berlin NW 7, Unter den Linden 38
    Reichsanstalt für Wasser- und Luftgüte, Berlin-Dahlem, Correnzplatz 1
    Reichsanstalt für Landesaufnahme, Berlin SW 68, Wilhelmstr. 9
    Reichsapothekerkammer, Reichsgeschäftsführung, Berlin NO 55, Danzigerstr. 62
    Reichsbahn-Zentralamt Berlin, Berlin SW 11, Hallesches Ufer 76
    Reichsbahndirektorium, Bücherei, Berlin C 111
    Reichszentrale für wissenschaftliche Berichterstattung, Berlin NW 7, Unter den Linden 8
    Robert-Koch-institut, Berlin N 65, Föhrerstr. 2
    Schweitzer Sortiment, Berlin N8, Französische Strasse 13
    Siemens und Halske A.G., Fachbücherei, Berlin-Siemensstadt
    Springer Verlag, Berlin W 9, Linkstr. 24
    Stadtbibliothek der Reichshauptstadt Berlin, Berlin C 2, Breite Strasse 36
    Technische Hochschule Berlin, Bibliothek, Berlin-Charlottenburg 2, Berliner Str. 170-172
    Universitäts-Bibliothek Berlin, Berlin NW 7, Dorotheenstr. 81
    Verein Deutscher Ingenieure, Bücherei, Berlin NW 7, Hermann-Göringstr. 27

    In obiger, von Pflücke mit Handsignatur "7.8.45" versehenen Liste Berliner Meldestellen sind unter anderem die Meldestellen der Regierungsbehörden (z.B. das Goebelsministerium / vgl. obiges Dokument vom 6.11.44) nicht enthalten.
     

    Der Zentralnachweis in der Regie des Reichssicherheitshauptamtes der SS

    Die Regieführung des RSHA bei der Herausgabe des Zentralnachweises für ausländische Literatur soll hier an zwei Archivdokumenten belegt werden:

    Dokument 1  Rundbrief des SS-Obersturmbannführers Dr. Martin Sandberger an die Gruppenleiter des Amtes VI (Ausland) im RSHA vom 20.4.1944 /11/

    "[...] Seit 1. Dez. 1943 wird von der "Deutschen Gesellschaft für Dokumentation" (Vorsitzender: Professor Dr. Prinzhorn / Leipzig) ein "Zentralnachweis für ausländische Literatur" herausgegeben. (Herausgeber: Obmann des "Ausschusses für Beschaffung ausländischer Literatur", Dr. Maximilian Pflücke).
    Es erschien bisher Heft Nr. 1 (1.12.43) und Heft 2 (1.2.44). Die Hefte gehen unter "Nur für den persönlichen Dienstgebrauch" in nummerierter Form an einen beschränkten Kreis von Dienststellen, die sich dem Zentralnachweis angeschlossen haben. [...]
    Die angeschlossenen Dienststellen werden einerseits mit den fortlaufenden Heften beliefert, verpflichten sich andererseits, sämtliche in ihrem Besitz befindliche ausländische Literatur (vorerst nur von Feindmächten) dem Zentralnachweis mitzuteilen und auf Anforderung einer der angeschlossenen Stellen die in ihrem Besitz befindliche Literatur in Original (gegen Rückgabe) oder Fotokopie zur Verfügung zu stellen. [...]
    Einzelheiten der Zusammenarbeit zwischen Amt VI und dem Zentralnachweis werden z.Zt. von VI A und VI G geregelt./12/  Anregungen und Vorschläge hierzu werden unverzüglich in gleichlautenden Ausfertigungen an VI A und VI G erbeten". [...] 
    Dokument 2  Protokoll einer Sitzung der DGD am 6.9.1944. Protokollant: SS-Obersturmführer Alfred Karasek, RSHA VI G /13/
    "Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Prinzhorn fand am 6.9.44 von 14.30 – 19.00 Uhr im Gästehaus Wannsee eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation statt, die sich besonders mit Fragen der Schnellauswertung zu befassen hatte.
    Eingangs spricht Dr. Pflücke über den gegenwärtigen Stand des Zentralnachweises für ausländische Literatur. Er berichtet über einen in der letzten Zeit verstärkten Einlauf an Meldungen sowie über den Anschluss des Pro-Mi [Propaganda-Ministerium], des Auswärtigen Amtes und der Luftwaffe an den Zentralnachweis.  [...] Es soll versucht werden, den Zentralnachweis womöglich 14tägig erscheinen zu lassen. Für die nächste Zeit ist auch die erste Zusammenstellung einer Buchliste geplant, die alle seit Mai 1943 aus dem feindlichen Ausland eingelangten Bücher umfassen soll.
    In Kurzreferaten besprechen Prof. Gülich, Dr. Pfeiffer und SS-Ostubaf. v. Kielpinski  Fragen des Weiterbezugs an ausländischer Literatur. Die militärische Lage im Westen läßt eine Gefährdung des Massenbezugs an englisch- amerikanischen Zeitschriften sicher erscheinen. [...]
    SS-Oberführer Hausleiter vom TWWA berichtet nunmehr eingehend über die Schnellauswertung. [...] Beim TWWA werden 30 Schnellauswerter neu eingestellt [...] Eine neue technische Erfindung habe das Überleiten von der Photokopie zum Ozalith-Verfahren um 48 Stunden verkürzt [...]. 

    In der abschliessenden Aussprache berichtet Dr. Pfeiffer über das System der Ringe und Ausschüsse im Reichsministerium Speer, ebenso wird durch Dr. Bähr vom Planungsamt ein Überblick über den Reichsforschungsrat und dessen Gliederung mit rund 30 Bedarfsträger-Hauptstellen gegeben. [...]  Die 3 Teilnehmer aus Luftwaffe, Wehrmacht und Marine stellen sich ziemlich eindeutig gegen eine Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Instituten und Einrichtungen, die bei der Sitzung vertreten sind. Sie erklären, über genügend eigene wissenschaftliche Kräfte, Referenten und eine gut funktionierende Schnellauswertung innerhalb des eigenen Bereiches zu verfügen. [...]

    Es ergibt sich eine längere Debatte zu dieser Stellungnahme. Dr. Pflücke zeigt auf Grund der Erfahrungen im Bereiche der Chemie, dass ein Maximum an Wissen und Erkenntnissen aus der Feindliteratur und deren Auswertung im militärischen, wissenschaftlichen sowie industriellen Sektor erstrebt werden muss. Deswegen sei auch die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation entstanden und der Zentralnachweis für ausländische Literatur geschaffen worden. [...] 

    Major Selow von der Dienststelle Oberst Geist im Ministerium Speer [...] referiert kurz über die wesentlichsten Gesichtspunkte und Aufgaben der Beobachtung der Feindliteratur. Es müsse zwischen neuen Erfindungen an Feindwaffen und den damit verbundenen Forschungsaufgaben einerseits, der Erstellung und Entwicklung dieser Waffen, d.h. ihrer industriellen Fertigung, andererseits streng geschieden werden. [...] Die Erfindungen auf der Feindseite werden von einem bestimmten Personenkreis von Forschern getragen, deren Namen und Wirkungsbereiche herauszubekommen sei eine der ersten Voraussetzungen. Hierbei könnten Vorlesungsverzeichnisse, Zeitungsnotizen usw. eine gewichtige Rolle spielen. [...]

    Zur Finanzierung des Zentralnachweises

    Über die bis in die letzten Kriegsmonate erfolgende Finanzierung des Zentralnachweises und mit ihm im Zusammenhang stehender Aktivitäten geben drei Schreiben von Mentzel, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Auskunft. Alle drei Schreiben sind an den Antragsteller für entsprechende Sachbeihilfen, "Prof. Dr. Prinzhorn, Deutsche Gesellschaft für Dokumentation" gerichtet. Die Anträge in Höhe von insgesamt 215.000 Reichsmark wurden alle positiv beschieden.

    Schreiben Mentzel vom 20. 12. 1944 /14/
    Weitere Sachbeihilfe für den Zentralnachweis des kriegswichtigen ausländischen Schrifttums in Höhe von 40.000 RM.

    Schreiben Mentzel vom 6. März 1945
    Sachbeihilfe für die Durchführung und den Druck der Europa-Bibliographie in Höhe von 75.000 Reichsmark.

    Schreiben Mentzel vom 6. März 1945
    Sachbeihilfe für Fortführung der Arbeiten des Zentralnachweises für ausländische Literatur und der Literatur-Auskunftsstelle in Höhe von 100.000 Reichsmark. /15/

    Resümé zum Zentralnachweis

    Das Beschaffen ausländischer Literatur, insbesondere aus sogenannten Feindländern, die  Sicherung ihrer schnellen Auswertung und das effektive Bereitstellen der Auswertungsergebnisse für den militärischen, wissenschaftlichen und industriellen Sektor war die Hauptaufgabe der erst 1941 geschaffenen DGD in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges. 

    Daß diese Aufgabe nicht unverzüglich mit Gründung der DGD, sondern erst zweieinhalb Jahre später mit der beginnenden Herausgabe des Zentralnachweises einer Lösung zugeführt wurde, zeigt die Zwiespältigkeit in der Haltung der NS-Führungsclique zu Wissenschaft und Forschung und die Widersprüchlichkeit in entsprechenden Entscheidungsprozessen. Es bedurfte wohl des Anstoßes durch den neuformierten Reichsforschungsrat, um die Trägheit auf dem Gebiet der Literaturbeschaffung mittels des Instruments eines Zentralnachweises so gut es noch möglich war zu überwinden und dazu beizutragen, die deutsche Kriegsmaschine auch durch Bereitstellen von kriegsrelevantem Weltwissen auf Touren zu halten. 

    Allerdings kamen die entsprechenden Entscheidungen zur Zusammenfassung der deutschen Forschungskapazitäten "viel zu spät", wie es der Hauptangeklagte Göring auf dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß mit Bedauern feststellte. Für die Menschheit war dieses Versagen ein Glücksumstand, der insbesondere mit verhinderte, daß die deutschen Faschisten "noch rechtzeitig" in den Besitz kriegsentscheidender Waffen wie der Atombombe kamen. 

    Der Anteil der DGD, insbesondere ihrer führenden Leute wie Prinzhorn, Pflücke und andere, an den mannigfaltigen Versuchen des NS-Systems, unter Ausnutzung neuesten ausländischen Wissens das "Kriegsglück" noch zu wenden, ist nicht zu unterschätzen. Die Schaffung und kontinuierliche Herausgabe des "Zentralnachweises für ausländische Literatur" mit seinem System von Beschaffungsstellen, Auswertungsstellen, Meldestellen, Besitzstellen und Empfängern der wissenschaftlichen und technischen Feindliteratur erforderte von den Organisatoren großes Engagement und hohen Arbeitsaufwand. Die genannten Personen waren weit entfernt von den Möglichkeiten, aber wohl auch von dem Willen, sich im NS-Staat "der reinen Wissenschaft" zu widmen. Im Vordergrund stand ihr Bemühen, sich "mit ihren wissenschaftlichen Kenntnissen in den Dienst des Vaterlandes" zu stellen (wie es Pflücke in etwas anderem Zusammenhang auf der Salzburger DGD-Tagung 1942 formulierte). 
    Daß sie sich dabei mit den für solche Fragen "zuständigen" Institutionen und Personen des NS-Repressionsapparates, insbesondere des Reichssicherheitshauptamtes der SS, ins Benehmen zu setzen hatten, war eine zwangsläufige Folge dieses Bemühens, aber auch eine notwendige Bedingung, um mit dem Projekt "Zentralnachweis" im Dienste des NS-Systems überhaupt wirksam werden zu können.. 
     

    Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 7
           
    1
    Aufgaben und Ziele der Dokumentation: Erste Sitzung des Beirats der DGD. – In: Dokumentation und Arbeitstechnik, März/April 1942, S.5 (Bericht Pflücke).
    2 Aufgaben und Ziele der Dokumentation ... a.a.O., S.3 (Arbeitsausschüsse).
    3 Angabe auf den Titelblättern der Hefte 1 bis 7 des Zentralnachweises.
    4 SS-Obersturmbannführer Martin Sandberger: Rundbrief an Gruppenleiter des Amtes VI im RSHA vom 20.4.1944; SS-Obersturmführer Alfred Karasek: Protokoll der Sitzung der DGD am 6.9.1944. "Amt VI" war die Bezeichnung für den Auslandsnachrichtendienst im RSHA, zuständig für Spionage und Abwehr im Ausland. – BA R 58/1143.
    5 Pamela Spence Richards: Rezension des Buches von Elke Behrends über "Technisch-wissenschaftliche Dokumentation in Deutschland von 1900 bis 1945", Wiesbaden 1995. – In: www.bibliothek-saur.de/1997_3/369-385.pdf (Recherche vom 12.8.2007).
    6 Pflücke an Fischer, Magistrat der Stadt Berlin, Abt. Volksbildung, 6.3.1946, Seite 3 (numeriert als Seite 2). – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 32, 6 Blatt.
    7 Kautele: Vorsichtsmaßregel
    8 homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/Sandberger.pdf ; BA R 58 / 1143
    9 Staatssekretär im RVP, Naumann an Abteilungsleiter im Hause, 6.11.1944. – BA R 55 415  Mikrofiche 2
    10 Berliner Meldestellen der DGD, Zentralnachweis, masch.schriftlich 2 Blatt. Ohne Datum. – Archiv BBAW NL M. Pflücke Ordner 29. Mit Handsignatur Pflücke.vom 7.8.45
    11 Martin Sandberger: Rundbrief RSHA VI A an die Gruppenleiter VI B, .... a.a.O. – BA R 58/1143
    12 Amt VI (RSHA): Auslandsnachrichtendienst / Ltr. Walther Schellenberg; Abteilung VI A: Organisation / Ltr. Martin Sandberger; Abteilung VI G: Wissenschaftlich-methodischer Forschungsdienst,  nach außen: "Reichsstiftung für Länderkunde" / Leiter Wilfried Krallert. – RSHA Geschäftsverteilungsplan (GVP) vom 1.10. 44, BA Hoppegarten ZR 275 Bl. 253f und GVP vom 21.12. 44, BA R 58 / 849 Bl. 7. Nach einer Information von Gerd Simon, 14.8.2007.
    13 Protokoll Karasek (RSHA VI G) 8.9.44, BA R 58/130, Bl. 243-245, mit Stempel "Geheim".
    14 Nicht identisch mit dem Schreiben Mentzels an Pflücke (RFR) vom gleichen Tag.
    15 BA Signatur DS, Film B0038, Bilder 0574, 0542 und 0570.
    ______________________________________
     
    Zum Verzeichnis der Skizzenblätter
     


     
    Skizzenblatt 8

    Amtierender Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft

     
    Auf . Beschluß des Vorstands der Deutschen Chemischen Gesellschaft (DChG) vom 4.12. 1943 wurde Pflücke mit der Vertretung des Dr. Weidenhagen in dessen Eigenschaft als Generalsekretär  und als Betriebsführer der DChG  beauftragt. In dem vom Vorstandsmitglied Butenandt unterzeichneten entsprechenden Schreiben vom 9.12.1943 heißt es:
    "Sehr geehrter Herr Dr. Pflücke!  Auf Veranlassung des Herrn Präsidenten habe ich Ihnen mitzuteilen, daß auf der Vorstandssitzung der Deutschen Chemischen Gesellschaft in Wien am 4. Dezember ein Beschluß gefaßt worden ist, nach dem Sie mit der Vertretung des Herrn Dr. Weidenhagen in seiner Eigenschaft als Generalsekretär und als Betriebsführer beauftragt werden, solange Herr Dr. Weidenhagen auf Grund seiner militärischen Verpflichtungen nicht ständig in Berlin anwesend sein kann. Ich hatte bereits Gelegenheit, Ihnen diesen Beschluß telefonisch mitzuteilen und freute mich, von Ihnen zu hören, daß Sie zur Übernahme der Ihnen anvertrauten Pflichten gern bereit sind." /1/
    Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Pflücke nach seinen eigenen Worten in der DChG nur die Abteilung der Redaktion des Chemischen Zentralblatts zu leiten. /2/

    Nach Kriegsende übte Pflücke die Funktion des Generalsekretärs der DChG einige Zeit weiter aus. Von den Vorstandsmitgliedern der DChG war nur Peter Adolf Thiessen in Berlin verblieben, stand jedoch kurz vor seiner Abreise in die Sowjetunion. Rudolf Weidenhagen, gleichfalls Vorstandsmitglied und als Geschäftsführer der DChG von Pflücke vertreten, geriet zum Ende des Krieges in amerikanische Gefangenschaft  Richard Kuhn, Präsident der DChG, hielt sich schon seit längerem in Heidelberg auf. /3/  Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hatte mit Robert Havemann einen neuen Direktor erhalten.  /4/

    In dieser Situation schrieb Pflücke zwecks Klärung des Schicksals der DChG und seiner eigenen weiteren Tätigkeit als amtierender Generalsekretär der DChG Ende November 1945 an den Bezirksbürgermeister des Verwaltungsbezirks Berlin-Tiergarten:

    „Der Unterzeichnete, der Herausgeber des Chemischen Zentralblatts, ist als ältester Beamter der Deutschen Chemischen Gesellschaft vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Dr. Richard Kuhn, zum Generalsekretär und Betriebsführer der Deutschen Chemischen Gesellschaft ernannt worden. Er führt die Geschicke der Gesellschaft, bis die alliierten Nationen sich über die künftige Lage und das Weiterbestehen kultureller Organisationen, im besonderen der Deutschen Chemischen Gesellschaft, klar geworden sind.
    Gleich bei der Besetzung von Berlin hat mich die russische Besatzungsbehörde und die Staatsregierung der Sowjet-union mit der Betreuung der Deutschen Chemischen Gesellschaft beauftragt und mich nachträglich zum Sachbearbeiter des Technischen Büros des Volkskommissariats Wissenschaft und Technik eingesetzt. Als solcher habe ich die Aufgabe gehabt, die Substanz der Deutschen Chemischen Gesellschaft durch Aufräumungsarbeiten zu retten und durch Sicherungsmaßnahmen dieselbe zu erhalten. Ich habe keinen Auftrag bekommen, den Betrieb hinsichtlich Produktion weiterzuführen. [....]
    Die Deutsche Chemische Gesellschaft ist ein Arbeitskreis im Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik gewesen, und es ist zweifelhaft, in welcher Form die Gesellschaft künftig behandelt werden wird. Aus diesem Grunde hat der Vorsitzende, Prof. Dr. Richard Kuhn, sich über das Frankfurter zuständige Büro der amerikanischen Besatzungs-behörden an die Washingtoner massgebenden Stellen gewandt, die über das Schicksal der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu entscheiden haben.  Es befindet sich also die jetzige Deutsche Chemische Gesellschaft in Liquidation, das Generalsekretariat ist auf Veranlassung der Besatzungsbehörden nach Potsdam verlegt worden.  [.....] 
    Die Verlegung des Generalsekretariats nach Potsdam ist deshalb geschehen. um ein bequemeres Arbeiten durchführen zu können, zumal die hauptsächlichen Stellen wie Druckerei und Redaktionsmaterial sich zurzeit noch im russischen Sektor befinden. 
    Der Unterzeichnete steht mit den nötigen Unterlagen zu einer Besprechung jederzeit gern zur Verfügung [...] Mit dem Vorsitzenden, Prof. Dr. Richard Kuhn, Heidelberg, stehe ich in ständiger Verbindung  und erwarte in den nächsten Tagen einen Kurier, der mir weitere Weisungen über die Geschicke der Gesellschaft bringen wird. [.....]
    Dr. M. Pflücke   z.Zt. Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft  i.L.“  /5/


    Auslagerung und Rückführung der Bibliothek der Deutschen Chemischen Gesellschaft

    In seinem Vortrag auf dem Salzburger Dokumentartag im September 1942 wies Pflücke darauf hin, daß hinter dem Chemischen Zentralblatt und den Handbüchern bei der DChG eine 50.000 Bände umfassende Spezialfachbibliothek besteht. Schrifttumsauskunftsstellen sowie eine Photokopiestelle würden es den Benutzern dieser Werke ermöglichen, innerhalb einer kurzen Zeit jedes referierte bzw. zitierte Original als Photokopie zu erhalten oder in der Bibliothek einzusehen.  /6/

    Die nach dem Namen des Gründers der DChG, August Wilhelm von Hofmann, als Hofmann-Bibliothek bekannte Spezialbibliothek hatte ihren Standort im Hofmann-Haus der DChG im Berliner Tiergartenviertel, Sigismundstraße 4. Das Hofmann-Haus wurde ab November 1943 bei mehreren Bombenangriffen schwer beschädigt, in den Apriltagen 1945 – dem Vernehmen nach von SS – in Brand gesteckt und restlos vernichtet. /7/  Die Bestände der Hofmann-Bibliothek /8/ entgingen der Zerstörung, da sie im Oktober 1943 noch rechtzeitig in einen Stollen des Kalkbergwerks Rüdersdorf bei Berlin ausgelagert wurden. 

    "Auch Dr. Pflücke drängte darauf, seine Dokumentationen in einem Rüdersdorfer Schacht zu lagern. Dazu erbat er sich Hilfe bei der Wehrmacht, dem Sicherheitsdienst, der Industrie und von anderen Stellen. Wahrscheinlich kamen dadurch auch die Unterlagen des Heereswaffenamtes über die geheime Giftgasforschung nach Rüdersdorf."  /9/
    Pläne, die Bibliothek der DChG im März 1945 nochmals umzulagern und sie in einem Kalischacht bei Hattorf im Harz zu bringen,  /10/ ließen sich nicht mehr verwirklichen. Die Bibliothek wurde von den vorrückenden Truppen der Roten Armee beschlagnahmt und der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Moskau übergeben. 

    Bei dem von Rusk bzw. Pflücke genannten  „Kalischacht bei Hattorf“ handelt es sich möglicherweise um den Schacht Ransbach - Heimboldshausen im Kalibergwerk Hattorf. Das ist der Schacht, in dem seit 1943 rund 1,5 Mio. Bände der Preußischen Staatsbibliothek eingelagert wurden. Der Plan, auch die Hofmann-Bibliothek mit ihren 50-60.000 Bänden dorthin zu verlagern, könnte auf Absprachen zwischen Krüß und Pflücke zurückzuführen sein (vgl. Biographische Skizze zu Hugo Andres Krüß, Abschnitt 11 und Anlage  1).

    Im Jahre 1956 kam der größte Teil der Hofmann-Bibliothek nach Berlin (DDR) zurück und wurde unter die Obhut der Chemischen Gesellschaft der DDR gestellt. Nach Auflösung dieser Gesellschaft  wurde die Bibliothek als Sammlung „Hofmann-Bibliothek“ Teil der Chemie-Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität. /11/
    ______________________________________

        
    Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 8
        
    1 Butenandt an Pflücke, Schreiben vom  9. 12.1943. – BBAW Archiv, Nachlaß Pflücke 1, Ordner 32
    2 Pflücke an Magistrat von Berlin, Abt. Volksbildung, Schreiben vom  6.3.1946. – BBAW Archiv, Nachlaß Pflücke
    3 Richard Kuhn leitete in Heidelberg das KWI für medizinische Forschung. Anfang 1941 wurde an diesem Institut eine vom Heereswaffenamt finanzierte geheime Kampfstoff-Abteilung eingerichtet. Unter der Leitung von Kuhn forschte dort eine Arbeitsgruppe über neuartige Nervengase (Tabun, Sarin). 1944 entdeckten Kuhn und sein Mitarbeiter Konrad Henkel das Nervengas Soman, welches von der NS-Führung sofort als neue "Wunderwaffe" behandelt wurde. Den Alliierten waren diese Nervengase bis April 45 unbekannt. [Florian Schmaltz: Rüstungsforschung über chemische Kampfstoffe an Kaiser-Wilhelm-Instituten. – April 2000, www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/projects.htm ].
    4 Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – S. 180-182
    5 Pflücke an Bezirksbürgermeister Berlin-Tiergarten, Schreiben vom 30.11.1945. - Archiv BBAW Archiv NL  M. Pflücke 1, Ordner 32.
    6 Maximilian Pflücke: Die Dokumentation der Chemie und der chemischen Technik. – In: Die Dokumentation und ihre Probleme. – Leipzig 1943, S. 62.
    7 Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – S. 180-182.
    8 Ruske nennt einen Bestand von etwa 60.000 Bänden (siehe Walter Ruske, a.a.O., S.179). 
    9 Günter Nagel: Das "Chemische Zentralblatt" wurde zu seiner Lebensaufgabe.  Auf den Spuren eines Potsdamer Gelehrten ... . – In: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 28. August 1998. Siehe auch die Fußnote 3 zur Giftgasforschung von Richard Kuhn.
    10 Pflücke an Kuhn, Briefe vom 1.3. und 7.3.1945. – Zitiert in Walter Ruske ... a.a.O., S.182.  „Hattorf im Harz“ (richtige Bezeichnung: Hattorf am Harz) liegt ca.7 km westlich von Herzberg am Harz.
    11 Julia Fontius; Bernd Fichte: Hofmann-Bibliothek. – In: www.ub.hu-berlin.de/bibliothek/...  Recherchedatum 5.4.06.
    _____________________________________
     
    Zum Verzeichnis der Skizzenblätter